Die Erfindung 1920

Beim Reichskanzler ließ sich jüngst ein Ingenieur melden. Er habe eine Erfindung gemacht, die den raschen Aufstieg Deutschlands so gut wie garantiere. Da diese Herren sehr viel von Phantasten überlaufen werden, so ließ ihn der Reichskanzler abweisen. Weil aber der Erfinder versprach, sofort den Beweis seiner Behauptung zu erbringen, so ließ sich der Chef der deutschen Diplomatie doch herbei, den Erfinder vorzulassen.
Ein unscheinbares Männchen, in dessen Kopfe jedoch ein paar intellegente, etwas mit Spott gemischte Augen saßen, schob sich in das Arbeitszimmer des Reichschefs. In der Rechten trug er eine kleine Handtasche aus Kriegsersatzleder. Auf die nicht gerade hohe Geduld verratende Geste des Reichskanzlers öffnete der Ingenieur seine Handtasche und entnahm derselben ein Instrument, das eine gewisse Ähnlichkeit mit einem elektrischen Induktionsapparat hatte.

Der Krieg und unsere Kinder 1914

s war einmal. Wie böse Märchen muteten uns die Schilderungen der Alten und Uralten von den vergangenen Kriegsnöten an. Jetzt sind sie wieder zu unserem Schrecken Wirklichkeit geworden. Die Kriegsfurie rast wieder durch die Länder und hinterdrein das böse Gefolge der apokalyptischen Reiter, wie es die beiden großen Maler Dürer und Cornelius packend dargestellt haben: die Pest, die Teuerung, der Tod.
Und dennoch haben wir in diesen Tagen der bitteren Not auch allen Anlaß, vom Segen des Krieges zu sprechen. Es bestätigt sich jetzt tausendfach, daß der Krieg nicht nur böse Wunden schlägt und nimmt, sondern auch heilt und gibt. Wie sehen mit Erstaunen, wie eine große Wandlung in so mancher Beziehung durch unser ganzes Volk geht, wie manches mit einem Schlage geändert wird, das bis dahin große Anstrengungen kaum zuwege brachten, wie unser Geschlecht eine tiefe, nachhaltige Läuterung erfährt. Jawohl es bleibt wahr: der Krieg ist zum segensreichen, zum ernsten Erzieher der Massen geworden.
Im besonderen auch zum Erzieher der Jugend. Jeder Erzieher wird eifrig die Gelegenheiten
Lazar Melneczuk*
ausnutzen, die sich ihm ganz ungesucht gerade darbieten. Er weiß, daß sie besonderen Gewinn verheißen. Was das Kind unmittelbar erlebt, das erweckt seine Teilnahme, das dringt in Geist und Gemüt ein, das trägt hundertfältige Frucht. Heute dürfen wir eine Gelegenheitserziehung im besten Sinne des Wortes treiben. Der große Krieg wird auch unseren Kindern zum tiefen, erregenden Erlebnis; auch die Jugend, selbst die jüngere, muß von den Riesenereignissen der Zeit wie von den tausen kleineren Kriegserlebnissen tief ergriffen werden. Was sie jetz tagtäglich erlebt, kann nicht ohne nachhaltigen Einfluß auf die Gestaltung ihres Gedankenkreises, ihrer ganzen Persönlichkeit bleiben.

Was gewinnt die Jugend von der heutigen bewegten Zeit?

Über russische Überläufer 1916


ie Menge russischer Überläufer, von denen die Berichte immer wieder erzählen, erscheint von unserem Standpunkt befremdlich. Allein es gibt eben von alters her tatsächlich keine Armee in der Welt, bei der so viele Überläufer vorkommen wie bei der russischen.
Bereits Peter der Große mußte wegen der überhandnehmenden Ausreißer auf Fahnenflucht die Todesstrafe setzen. Trotzdem nahm das Übel noch zu, so daß sich der Zar entschließen mußte, einem Teil der wiedereingebrachten Soldaten das Leben zu schenken und sie, um die Wehrkraft des Landes nicht allzusehr zu schwächen, wieder in das Heer einzustellen. Er erließ einen Ukas(= ähnl. Dekret), gemäß dem jeder dritte wieder eingefangene Überläufer aufgeknüpft werden, während die zwei anderen Knutenhiebe erhalten sollten. Doch das hatte nur geringen Erfolg und schließlich begnügte sich Peter damit nur jeden 10ten hängen zu lassesn.
Später ging man nach dem Muster westeuropäischer Mächte dazu über, Leute, die wegen Diebstahls vorbestraft waren, um das "moralische Niveau" der Armee zu heben, von der Einstellung zum Militärdienst auszuschließen.
Diese an sich gutgemeinte Absicht hatte in Rußland überraschende Folgen. Die Diebstähle häuften sich in auffälliger Weise und mit ihnen auch die Aburteilung der Verbrecher, und zwar in einem Umfang, daß die Heeresverwaltung schleunigst ihre Bestimmungen ändern mußte, um diese neuartige Form der Fahnenflucht nicht überhand nehmen zu lassen. Man mußte also die schlauen Diebe wieder der "Ehre" teilhaftig werden lassen um im Heere des Zaren dienen zu dürfen. Und siehe da - sogleich ging die Zahl der Diebstähle wieder auf den vorherigen Stand zurück.
A.M.