Allerlei Pfingstbräuche, 1894


Hand in Hand mit dem wunderschönen Monat Mai kommt das Pfingstfest gezogen und gibt gleichsam den Meldezettel für den nunmehr nahenden Sommer ab. Die Pfingstbräuche sind denn auch meistens solche, mit denen man einst den Monat Mai begrüßte, und die dann in christlicher Zeit auf Pfingsten übergingen.

An der Spitze aller Pfingstbräuche marschiert die Pfingstmaie. Was die Tanne für Weihnachten, ist die Birke – die Pfingstmaie – für Pfingsten. Mit dem grünen Maienzweig bringen wir ein Stück der neuerwachten Natur in unser Haus, und die Aufrichtung der Pfingstmaie, die nichts anderes ist, als der letzte Ausklang alten Götterglaubens und die letzte Erinnerung unserer altgermanischen Vorfahren, bedeutet für uns ein Schibboleth, ein Erkennungszeichen dafür, daß wir unter dem Schutz Donars stehen, dem schöpferischen Einfluß des neu sich regenden Lebens, des Wachstums und Gedeihens.
Im Rheintal wird die Pfingstnacht, wie anderswo die erste Maiennacht, mit Liedern gefeiert, indem die jungen Burschen singend von Haus zu Haus ziehen und die von den Mädchen bereitgehaltenen Pfingsteier einsammeln. Am Morgen des Pfingstsonntags wird geruht, am Pfingstmontag aber werden die Pfingstkuchen gebacken und in gemeinsamem Mahle verzehrt.
Eine weitverbreitete Sitte, namentlich in Niederdeutschland, ist es ferner, daß man an einem der Pfingsttage das Vieh zum ersten Mal auf die Weide treibt. Das Mädchen oder den Burschen, die beim Austreiben des Viehs zuletzt ankommen, nennt man Pfingstjungfer oder Pfingstfuchs; das zuletzt am Plan erscheinende Rindvieh Pfingstkuh oder Pfingstochse. Letztere werden unter lautem Jubel mit Laub und Blumen geschmückt, daher sagt man noch heute von jemandem, der sich mit Flitterkram überladen hat, daß er geputzt sei wie ein Pfingstochse.

Auch ein bunter Junge macht, wie zum Beispiel in der Altmark, seine lustige Pfingstreferenz. Es ist dies der Pferdejunge, der zuletzt sein Pferd hinaustreibt. Vom Kopf bis zu den Zehen wird er mit Feldblumen aller Art behangen und sodann von dem Tauschlepper, dem Jungen der zuerst auf dem Weideplatz ankommt und so gleichsam den Tau von dem Grase abschleppt, von Hof zu Hof geführt, einen gereimten Spruch zitierend, dessen Pointe ist, daß sie gleich wieder weggehen wollen, so sie „sechs Eier, sechs Dreier und ´nen Stück Speck“ erhalten haben. Frau Fama berichtet indes, daß es die Jungen der Altenmark auch billiger machen. 

In anderen Gegenden Deutschlands ziehen die Kinder mit der blumengeschmückten Maibraut umher, oder mit einem Knaben, der eine Blumenkrone, Pfingstblume genannt, auf seinem Haupte trägt.
Anderswo wiederum geleiten die Kinder das Laubmännchen durch das Dorf. Über und über ist das Laubmännchen in frische Buchenbüsche gehüllt, nur für die Augen sind kleine Öffnungen freigelassen und über dem Kopf die Zweige zu einer Art Krone geformt. 

Mitunter besorgen auch erwachsene Burschen einen lustigen Pfingstumzug, nur in anderer dekorativer Form: zum Beispiel im Sächsischen als Gras- oder Lattichkönig, im Schwabenland als Pfingstbutz- oder Pfingstlümmel; im Bayrischen und im Elsaß als Wasservogel, Pfingstl oder Pfingstquack. Auch bei diesen Umzügen spielt das Maiengrün die erste Rolle.

Hierzu kommt eine Reihe alter Pfingstspiele, so das Königsreiten in Österreich- Schlesien, wo Dorfrichter, Geschworene und alle aus der Gemeinde, die Pferde ihr eigen nennen, gemessenen Schrittes und unter Absingung frommer Lieder um ihre Äcker reiten, in der Hoffnung, dadurch den Segen des Himmels auf ihre Fluren herabzuflehen. Anderweitig, wo die Pfingstritte noch in Brauch sind, bestehen sie oft nur noch im sogenannten Kranz-, Mann- und Ringstechen, von denen namentlich das Ringstechen an die Ritterzeit erinnert, recht viel Gewandtheit und Kraft erfordert.

Zu erwähnen sind sodann die Wettrennen, bei denen die Sieger Preise oder den Ehrentitel eines Königs erhalten. In den deutschen Städten, in denen sich Schützengilden befinden, wird Pfingsten zumeist durch ein Königsschießen gefeiert, oft mit vielem Pomp und all´ jener Würde, die dieser Genossenschaft für „Ehr und Wehr“ gebührt. Das bei einer solchen Veranstaltung trinkfester Männer das urdeutsche Pfingstbier nicht fehlen darf, ist selbstverständlich.

Zu unserem Bilde: Das Schmücken der Havelkrähne zu Pfingsten:
Das Schmücken der Havelkrähne
Wenn man in den Pfingsttagen der seenreichen Havel entlang wandert und sich dem Dorfe Caputh, dem Schifffahrts- und Handelsemporium dieser Gegend nähert, winken einem fröhlich hundert bunte Flaggen und Maienbüsche aus der Höhe ein Willkommen. Caputh´s "Hafen" mit seinem starken Durchgangsverkehr - gewaltige Ziegeleien befinden sich in der Umgegend und versorgen die Hauptstadt - wimmelt um diese Zeit von den plumpen, aber solid gebauten und tragfähigen Steinkähnen, und darunter ist keiner, dessen Mastspitze nicht der Birkenbusch krönte. Der kleine "Hydriot", der sich bereits werktags auf Vaters Fahrzeug nützlich zu machen weiß, hält es für seine Ehrenpflicht, durch den feiertägigen Schmuck des "Baumes" alle Kameraden zu übertreffen. Und während die Kirchenglocken über das Gelände rufen und die frommen Alten zum Hause des Herrn ziehen, opfert die Jugend, ohne es zu wissen, einer gestürzten, längst vergessenen Gottheit. Das Band, mit dem sie flatterndes Birkengrün an den Masten befestigt, und das farbige Fahnentuch verknüpfen mit der goldklaren Gegenwart dieses Pfingstmorgens alte Wunder und Träume ferner grauer Vergangenheit.

Nur über einen kleinen Bruchteil der Pfingstbräuche zu plaudern gestattet uns der Raum, und so sei denn hiermit der Schlußpunkt gemacht.

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