Das kalte Licht, 1899


Bei allen unseren Beleuchtungsarten, mögen sie heißen wie sie wollen, ist die Verschwendung an Brennstoff oder, wie beim elektrischen Licht, an Kraft eine ungeheure; indem anstatt Licht auch in hohem Maße Wärme entwickelt wird.
Kapelle mit dem kalten Licht des M. Moore
Kapelle mit dem kalten Licht des M. Moore
Bei einer Petroleumlampe zum Beispiel werden 99 Prozent der durch die Verbrennung erzeugten Gase in Wärme, nur 1 Prozent in Licht verwandelt; beim Leuchtgas beträgt das Verhältnis von Wärme und Licht 98½ Prozent zu 1½ Prozent; selbst bei der elektrischen Glühlampe noch 97 Prozent zu 3; bei der elektrischen Bogenlampe 90 zu 10.
Wem es gelänge, nur wenige Prozente des Leuchtstoffes mehr in Licht, anstatt in Wärme zu verwandeln, die nicht nur nutzlos, sondern direkt schädlich und dazu feuergefährlich ist, würde ein Millionen eintragendes Patent erlangen, und es ist daher kein Wunder, daß Hunderte von Technikern sich eifrig mit der Lösung dieses Problems und der Verbesserung unserer Beleuchtung beschäftigen.

Nun kommt aus Amerika die Nachricht, daß es einem jungen Gelehrten, M. Moore, gelungen ist, nicht nur ein wärmearmes Licht zu erfinden, sondern ein fast völlig wärmeloses, ein kaltes Licht, so daß wir also eine Beleuchtungsart hätten, bei der fast die gesamte Energie in Licht verwandelt wird.
Der von ihm beschrittene Weg ist derselbe, den Tesla in seinen berühmten Versuchen mit leuchtenden Röhren eingeschlagen hat. Er benutzt die Geißlerschen Röhren, das heißt luftleere oder vielmehr mit äußerst dünnen Gasen gefüllte Glasröhren, in deren Enden eingeschmolzene Platin- oder Aluminiumdrähte hineinragen. Verbindet man diese mit den Polen eines Funkeninduktors oder den Elektroden einer Influenzmaschine, so entwickelt sich in der Röhre eine Lichterscheinung. 

Diese längst bekannte Tatsache bildet den Ausgangspunkt von Moores Erfindung. Durch Änderungen an den Geißler`schen Röhren und dem damit verbundenen Induktionsapparates ist es ihm gelungen, in ersterem ein sehr helles und mildes Licht ohne jede wahrnehmbare Wärmeentwicklung zu erzeugen.
Um jedermann die praktische Brauchbarkeit seiner Erfindung zu beweisen, hat Moore eine kleine Kapelle errichten lassen, die in der auf unserem Bilde dargestellten Weise vermittels seines kalten Lichtes erleuchtet wird.
Grätzin-Licht
Grätzin-Licht

Die Sache erregt in Amerika und in den Kreisen der Elektriker Aufsehen und wird, sobald sich ihre praktische Brauchbarkeit herausstellt, alsbald ausgenutzt werden. Es wäre damit ein lange erstrebtes Problem gelöst, und das kalte Licht der Geißler`schen Röhren würde an Stelle unserer Glüh- und Bogenlampen treten, die sich kaum erst neben dem Gaslicht die Existenzberechtigung erkämpft haben.
 H. Sch.



Keine Kommentare:

Kommentar posten

Mit dem Abschicken eines Kommentars akzeptieren Sie unsere Datenschutzerklärung.