Der Phonograph als Lehrmittel, 1911


Der Phonograph beginnt allmählich nicht nur Unterhaltungs-, sondern auch Lehrmittel zu werden.
Die guten Erfolge, die man mit den phonographischen Aufnahmen der Stimmen berühmter Sänger und Sängerinnen erzielt hat, veranlassten die Wissenschaft, sich dieses eigenartigen Modeinstrumentes zu Forschungszwecken zu bedienen. Man kann dieserart seltene Dialekte festhalten, sprachpsychologische Studien über die Lautformationen bei wilden oder halbbarbarischen Völkern mit Muße anstellen und so vieles andere mit Hilfe der phonographischen Lautwiedergabe genauestens beobachten.

Jetzt dient der Phonograph auch zur Abrichtung von Papageien. In Paris wurde nämlich eine Papageienschule gegründet, die bestimmt ist, lernbegierigen Papageien die edle Sprachkunst beizubringen.
Diese eigenartige Gründung prosperiert sehr gut und der Inhaber und Schulmeister der Anstalt hat die Absicht schon demnächst an eine Vergrößerung seines Lokales zu schreiten. Er hat zur Unterstützung seiner Lehrmethode einige Phonographen in den Dienst der Sache gestellt. Freilich kommen diese erst bei "Fortgeschrittenen" in Anwendung.
In Gruppen zu drei und vier vereinigt man die buntgefiederten Schüler und gewöhnt sie vorerst an das Schnarren des Phonographen und an die unangenehme Klangbeimischung des metallenen Trichters. Später läßt man den Phonographen einfach spielen und von Zeit zu Zeit die Papageien die gehörten Laute wiederholen.
Der Phonograph soll einen vorzüglichen Ersatz für die durch eine menschliche Stimme sonst angestellten, langwierigen und schweren Sprachexercitien bilden. Der mit einfachen, leichten Worten wie: "Oui", "Luis", "Filou", "Cherie" usw. beginnende Kursus endet schließlich mit ganzen Zitaten aus französischen Klassikern.
Der erste Papageienschulmeister hat bereits eine ganze Reihe von Anerkennungsschreiben von hohen und höchsten Herrschaften erhalten.

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