Die Hemdbrust als Roman, 1925

Ein amerikanischer Wäscheerzeuger hat auf dem Gebiet der Herrenkleidung etwas ganz Neuartiges
Dr. Lahmann Wäsche
erfunden.
Der unternehmende Yankee hat nämlich der Welt ein Vorhemd beschert, das aus sieben aufeinandergelegten seidenartigen Blättern Papier besteht. Die Vorderseite jedes Blattes dient als Hemdbrust, die Rückseite aber ist mit einer Erzählung bedruckt. Alle sieben Blätter sind nummeriert, genauso wie ein Zeitungsroman; wer zwei Vorhemden auf einmal kauft, kommt in den Besitz eines vollständigen Romans, denn jede Vorhemderzählung ist in 14 Lieferungen zerlegt.
Die neuen Vorhemden sind sowohl für denjenigen, der sie erzeugt als auch für denjenigen, der sie trägt vorteilhaft. Anstatt jede Woche einige Male eine reine Hemdbrust anzulegen, reißt der glückliche Besitzer der neuen Art von Vorhemd einfach das oberste Blatt ab und zeigt der Welt eine blendend weiße Brust, die zugleich die Fortsetzung einer interessanten Erzählung darstellt.
Auf diese Weise kommen die Herren zu einer spannenden Lektüre, die sie, wenn sie Lust haben auch an einem Tag beenden können. Der Erfinder des neuen Vorhemdes spekuliert auf die Leselust des männlichen Amerikaners. Er hofft mit Hilfe abenteuerlicher, geistreicher Romane die Herren der Schöpfung für sich zu gewinnen, um immer neue Vorhemden zu verkaufen. Er betrachtet sich wahrscheinlich sogar als einen Wohltäter der Menschheit, denn erstens hebt er die Liebe zur Literatur, zweitens gibt er armen Schriftstellern Gelegenheit, etwas zu verdienen, drittens fördert er die Reinlichkeit und viertens tut er einem Teil der Menschheit, nämlich sich selbst, etwas Gutes, indem er sich ermöglicht, recht viel zu verdienen.

Keine Kommentare:

Kommentar posten

Mit dem Abschicken eines Kommentars akzeptieren Sie unsere Datenschutzerklärung.