Eine Katzengeschichte, 1913




Die Katze ist ein prächtiges großes Tier mit schwarzem, weißgeflecktem, angoraartigem Pelze. Mit sieben Geschwistern kam sie auf die Welt, sie war von allen die Schwächste und Unansehnlichste. Gerade dieser Umstand aber scheint sie vor dem sicheren Tode des Ertränktwerdens bewahrt zu haben. Der Zufall führte nämlich an ihre Wiege im Hause des Bauern ein Bübchen, das ein weiches Herz hatte und gar so gern so ein kleines lebendiges Wesen sein eigen genannt hätte.
"Such dir nur eins aus", hatte der Bauer gesagt, und das Bübchen hatte sich das schwächliche, schwarze Ding genommen und es ganz heimlich, daß der Vater nichts merkte, in die warme Tasche des väterlichen Pelzes gesteckt, der auf dem Kutschwagen draußen liegen geblieben war. So würde er das Kätzchen wohl am sichersten in das väterliche Haus schmuggeln und die gestrengen Herren Eltern zwingen, sich der vollendeten Tatsache zu fügen.Aber der schlaue Plan wäre beinahe elend gescheitert. Bei der Heimfahrt war es dem Kätzchen in der Tasche ungemütlich geworden, es hatte Turnübungen zu machen begonnen und sich glücklich an die Oberfläche gearbeitet. Da war der kleine Sünder nun zu früh entlarvt und nicht viel hätte gefehlt, so hätte das Kätzchen durch einen zornigen Schwung der Hand das Vaters auf dem Straßendamm sein Ende gefunden. Aber die flehende Miene und die Bitten des Kleinen hatten den Vater schnell milde gestimmt, und so hatte das Bübchen sein Kätzchen glücklich heimgebracht.

Anfangs war´s dem Tier nicht sehr gut gegangen. Unansehnlich und erbärmlich war es, und die Eltern keine Katzenfreunde. Erst als es sich herausmachte und zu einem prächtigen Exemplar gedieh, schwand die Abneigung der Hausleute, und es kamen gute Tage für das Tier. Nun könnte man meinen, die wenig sonnige Vorgeschichte des Tieres hätte sein Gemüt verfinstert, es mißtrauisch und heimtückisch gemacht. Aber ganz im Gegenteil. Und das ist es, was ich eigentlich erzählen will.

Eines Tages speist die Katze im Hof ihren Milchbrei. Da kommt eine andere Katze geschlichen, ein elendes, verkommenes, abgemagertes Geschöpf, und legt sich in angemessener Entfernung nieder, mit großen hungrigen Augen nach dem dampfenden Milchbrei blickend. Die glückliche Besitzerin des Breies läßt sich zuerst nicht in ihrer Mahlzeit stören. Plötzlich aber hält sie inne, trotzdem sie ihr übliches Maß erst zur Hälfte verspeist hat, erhebt sich und macht mit einem einladenden Miau der Hungrigen Platz, die sich auch sogleich auf den Rest im Napfe stürzt. Am nächsten Tag dasselbe Schauspiel, dassselbe schwesterliche Teilen der Mahlzeit mit der Hungerleiderin, und all die folgenden Tage, bis der Fremdling, der zusehends an Umfang und Kräften zunimmt, ausbleibt. Hier hatte die Katze ein treffliches Beispiel von Nächstenliebe, also immerhin einer Gattungsgenossin gegenüber gegeben. Aber es kam noch besser.
Ihr Hausgenosse war ein Hund, und beide hatten immer nur eben wie Hund und Katze zusammengelebt. Raufszenen zwischen den Beiden waren an der Tagesordnung. Da erkrankte der Hund, und zwar so stark, daß er wahrhaft - auf den Hund kam. Gänzlich erschöpft lag er im Hofe, verschmähte Speise und Trank und rührte sich nicht. Jetzt hätte unsere Katze triuphieren können; denn es war ja offenbar, daß ihr Todfeind in den letzten Zügen lag. Aber das tat sie nicht. Als sie ihren Milchbrei erhielt, verspeiste sie ihn nur bis zur Hälfte, entfernte sich mit einem Miau, sprang auf das nächste Fensterbrett und setzte sich dort mit der Miene vollkommenene Gesättigtseins nieder, so daß der kranke Hund sie genau beobachten konnte.

Und der verstand die Einladung, ging zum Milchbrei, und da dessen Dünfte seinem geschwächten Magen besonders zusagten, machte er sich alsbald daran, ihn auszuschlecken. Am nächsten Tag wiederholte die Katze ihr Manöver, und immer wieder, bis der Hund die Krankheit überstanden hatte und wider Lebensmut bekam. Auf diese Weise rettete die Katze den Hund vor dem Tode, denn man hatte ihn schon aufgegeben. Der Hund erwies sich in der Folge dankbar, niemals wieder tat er seiner Lebensretterin ein Leid an. Diese andererseits schloß mit ihm zwar keine Freundschaft, bestand im Gegenteil auf ihren Katzenrechten, aber änderte doch insoweit ihre Anschauungen über das Verhältnis zwischen Katze und Hund, daß sie ihrem Hausgenossen nicht mehr grundsätzlich Mißtrauen entgegenbrachte.




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