Exzentrische Frauen, 1891


Man hört so oft und so viel von exzentrischen Frauen sprechen, daß es sich wohl der Mühe lohnt,
dieser, wie es heißt, alltäglichen Erscheinung etwas näher zu treten.

Natürlich lohnt sich da zunächst die Frage, was unter "exzentrisch" zu verstehen sei: "Aus dem geistigen Mittelpunkte getreten sein und sich durch Handlungen bemerkbar machen, welche durch ihre Seltsamkeit und Außergewöhnlichkeit überraschen, ja befremden."

Im Grunde genommen, sind alle Frauen mehr oder weniger exzentrisch, allein die Exzentrizität wird zumeist als eine Eigenschaft der Engländerinnen hingestellt. man ist es denn auch gewöhnt, die Töchter Albions samt und sonders als exzentrisch oder überspannt, wie der volkstümliche Ausdruck lautet, zu betrachten.

Gegen diese Anschauung ist indessen unter vielen anderen auch ein Prediger von Notre-Dame in Paris aufgetreten und hat - es war dies vor drei Jahren - von der Kanzel herab die Erklärung abgegeben, die Damen vom Seine-Strande seien die Exzentrischsten dieser Erde.
Als einen der schlagendsten Beweise hierfür bezeichnete der Redner eine von der Marquise von M. gegründete Vereinigung, welche sich der "Klub der Weinenden" nannte. Derselbe bestand nur aus Damen, deren satzungsmäßige Pflicht es war, stets in tiefer, bei den wöchentlich zweimal stattfindenden Zusammenkünften aber in tiefster Trauer, das Gesicht von Schleiern halb verhüllt, zu erscheinen. Der Ort dieser Zusammenkünfte, ein großer Saal, war nach Angabe der Marquise schwarz dekoriert, mit silbernen Kränzen behangen und mit Grabsteinen geschmückt. Die Stühle hatten die Form aufrecht stehender Särge und Immortelllenkränze als Zier. Speisten die "Weinenden", so geschah dies mit Löffeln, Gabeln und Messern, deren Griffe aus gebleichten Knochen hergestellt waren. Der Wein wurde aus wirklichen Totenschädeln getrunken und die Dienerschaft war nach Art der Leichenträger gekleidet. Zu allem Überflusse spielte während der Mahlzeit eine unsichtbare Orgel Trauermusik, bei deren Klängen die Damen so viel Tränen vergießen durften, als sie nur wollten. Schließlich ging man mit dem Versprechen ewiger Trauer auseinander.


Das dieser Frauenklub sich seither aufgelöst hat, steht außer Frage, denn die exzentrischen Französinnen lieben nichts so sehr, als die Abwechslung. Freilich hat es keine von ihnen so gemacht, wie etwa die sattsam bekannte Lady Ellenborough, welche, das Glück der Ehe suchend, in sieben verschiedenen Staaten Europas siebenmal heiratete, sich ebenso oft scheiden ließ, zuletzt nach Arabien auswanderte, um dort die Gattin eines Beduinenscheichs zu werden und natürlich nicht zu bleiben; dafür aber feiert die Exzentrizität der Töchter Galliens auf dem Gebiete der Mode wahre Orgien.

Die von Künstlerhand bemalten Ballkleider und Sonnenschirme, die mit Taschentücher geputzten Hüte, die Holzschuhe, welche vor Kurzem noch zu eleganten Straßentoiletten unerläßlich waren; der Halsschmuck in Form goldener Stricke; die von einer verheirateten Frau ersonnenen, mit den Milchzähnen ihrer Kinder gezierten Armbänder; die Stöcke mit vergoldeten Knäufen, auf die man sich stützte - Alles das und vieles andere Lächerliche und Absurde haben exzentrische Französinnen erfunden.

Deshalb darf man aber nicht erstaunt sein zu hören, daß neuestens die "Liga für Frauenemanzipation" in Paris mit aller Entschiedenheit dahin strebt, die weibliche Tracht zu vermännlichen. Indes will, wie es heißt, die Behörde, an welche sich die Liga mit bestimmten Vorschlägen wandte, von solchen Exzentrizitäten nichts wissen, obzwar, wie die Bittstellerin nachdrücklich hervorhob, derartige, im allgemeinen Menschenrechte begründete Bestrebungen in England und Amerika in keiner Weise behindert worden sind.


So durfte Lady Florence Dixie ihre Ansicht, wonach die Tigerin in ihrer Freiheit des Tigers Stärke erreicht, während sie in der Gefangenschaft gleich den Mädchen verkümmert, in ganz England
verkünden und daraus nicht nur den Schluß ziehen, daß die Mädchen nur körperlich und geistig wie die Knaben erzogen zu werden brauchen, um diesen in jeder Beziehung gleich zu kommen, sondern auch die Anhängerinnen dieser neuen Lehre unter ihre Fittiche nehmen. Es waren dieser recht viele, und alle schworen schon nach kurzer Zeit, von nun an gleich den Männern rittlings zu Pferde in einer neuen, der veränderten Sitzweise angepaßten Kleidung öffentlich erscheinen zu wollen. Tag und Stunde des ersten Ausrittes waren auch angesagt, zahllose Neugierige auf den Straßen, allein leider verflüchtigte sich die Exzentrizität im entscheidenden Momente, die Damen bekamen Furcht und blieben zu Hause, und die schnöden männlichen Gewalthaber waren um die erhoffte Augenweide betrogen.

Dessen ungeachtet verzweifelt Lady Dixie nicht an dem endlichen Gelingen ihrer Mission und sie hat es auch gar nicht nötig.
Denn schon haben etwa 100 reichen Familien New Yorks angehörige Damen eine Milizkompanie gebildet und einen Wachtmeister des 22. Regiments zum Einexerzieren gewählt. Ihre Uniform besteht aus einem kurzen, bis zu den Knien reichenden Rocke, braunen Gamaschen für die "gemeinen Soldaten", weißen für die "Offizierin", einer Bluse mit elegantem Wehrgehänge und einem Käppi, ganz ähnlich demjenigen der Staatsmiliz.
Ob diese Damen gegebenen Falls auch anderswo, als auf dem Karneval, Kriegsdienste zu leisten gedenken, wird nicht gemeldet. Jedenfalls stehen sie in ihrer Exzentrizität würdig jenen anderen amerikanischen Mädchen zur Seite, welche Alligatoren als Haustiere behandeln und statt der Schoßhunde an silbernen Ketten spazieren führen.

Am Bedauernswertesten sind wohl die aus Eitelkeit exzentrisch gewordenen weiblichen Wesen, allen voran die Amerikanerinnen. Sie legen sich wahre Folterqualen auf.

So geht eine Schöne in Boston, um eine besonders weiße und zarte Gesichtsfarbe zu erzielen und zu erhalten, selbst im Hause dicht verschleiert umher und schläft des Nachts nur drei bis vier Stunden, weil sie herausgefunden hat, daß der Mangel an Schlaf ein ermüdetes, also "interessantes" Aussehen verleiht. Noch ärger treibt es ein Mädchen in Philadelphia. Von dem Wunsche beseelt, die Schlankste der Schlanken zu werden, legt es nämlich allnächtlich ein hölzernes Korsett an, das bis auf 15 Zoll um die Taille zugeschnürt wird. Damit ist das Verfahren, welches die Schwester dieser Dame befolgt, um ihre Hände schneeweiß und weich zu erhalten, noch unschuldig zu nennen. Sie bindet die mit Handschuhen bekleideten Hände jede Nacht einen Fuß oberhalb ihres Kopfes fest und schnürt sie des Morgens unter dem Ellenbogen gehörig ab, um den Zutritt des Blutes zu verhindern.

Vor Nachahmung dieser und ähnlicher hirnlosen Selbstpeinigungen ist natürlich öffentlich sehr nachdrücklich gewarnt worden.

Auch wurde Miß Ella Robinson, die in dem Bestreben eine feurige Schönheit zu werden, aus dem Elternhause entfloh und, in den Prärien herum jagend, ein wahres Zigeunerleben führte, bis sie zuletzt als Pferdediebin aufgegriffen und vor dem Gerichtshof von Putnam County gestellt ward, von demselben schlechtweg als verrückt erklärt, allein, wie es scheint, ist von alledem dem eingangs erwähnten Prediger von Notre- Dame in Paris nichts bekannt gewesen. Ja, er mag nicht einmal gewußt haben, daß im nahen England die fünfundsiebzigjährige, verwitwete Herzogin von Montrose ohne den um ein halbes Jahrhundert jüngeren Mister Milner nicht leben zu können erklärte und demselben Herz, Hand und Millionen nicht vergeblich anbot. Daß ferner eine schöne, junge und reiche Dame den alternden Stallknecht ihres Vaters, und Karoline Smith, die Tochter angesehener Bürgersleute in Eastbourne , einen Zigeuner, aus Liebe entführte - denn sonst hätte jener Prediger die Pariserinnen gewiß nicht als die exzentrischsten Weiber bezeichnet.
Da er dies dennoch tat, muß ihm wohl als lebendiger Beweis beständig Sarah Bernhardt vorgeschwebt haben, unter deren ungezählten hysterischen und exzentrischen Launen und Torheiten noch die geringsten sind, daß sie am Tage am liebsten mit Leoparden, Tigern und dergleichen Bestien umgeht und des Nachts in einem Sarge zu schlafen pflegt.

Oder es war gerade damals der Fall Eulasson, einer Dame bekannt geworden, welche ihr Haus seit dem Jahre 1868 nicht mehr verlassen hatte und mit der Außenwelt nur insofern in Verbindung stand, als ihr von einem bestimmten Händler alle drei Tage ein Korb mit Lebensmitteln gebracht wurde. Auf diese Weise lebte Frau Eulasson volle zwanzig Jahre, bis die Polizei endlich auf die Andeutung hin, daß in dem stets versperrten Hause etwas los sein müsse, in dasselbe eindrang. Natürlich fand sie nicht die dort vermutete Diebs- und Falschmünzerbande, sondern eine Matrone vor, die in gereizter Stimmung erklärte, sich aus Scham über das tolle Treiben ihres unweiblich gewordenen Geschlechts aus der Welt zurückgezogen zu haben. Man möge sie also in Ruhe lassen, widrigenfalls sie sich beim Kaiser über Verletzung des Hausrechtes beschweren müßte. Wie aus diesen Worten hervorgeht, hatte Frau Eulasson keine Ahnung von dem Sturze Napoleons III. und allen anderen zwischen 1868 und 1888 liegenden Ereignissen.
Man mußte sie ebenso gewähren lassen, wie man in Berlin Frau C. Curth gewähren ließ. Dieselbe war, was oft vorkommt, aus Menschenscheu exzentrisch geworden. Jahrzehntelang durfte niemand ihre Wohnung betreten, und die Insassen ihres Hauses mußten ihr den Mietzins durch eine Türritze in die Küche werfen. Nur nachts pflegte Frau Curth , einem Gespenste gleich, im Hause herumzuschleichen, was sie, da sie niemand kannte, wiederholt in schlimmen Verdacht brachte und ihr Prügel eintrug. In welcher Weise sie sich mit Lebensmitteln versah, wußte niemand anzugeben, wie denn auch die nähere Ursache ihrer Menschenscheu unbekannt geblieben ist.


Von der kürzlich verstorbenen Hofrathswitwe Karoline Suchanek wußte man jedoch, daß sie ihresgleichen verabscheute, weil die Tiere besser seien, als die Menschen. Sie lebte denn auch mit einundzwanzig Hunden in engster Gemeinschaft. Aber nicht genug daran - sie verließ sogar, um ihren "Lieben" mehr Freiheit und Bewegung gewähren zu können, ihren Geburtsort Wien, nahm in einem Dorfe Quartier und hungerte im wahrsten Sinne des Wortes, nur damit ihre Lieblinge an guter Milch und saftigem Fleische dick und fett werden konnten. ................................ Fortsetzung folgt

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