Kriegserklärungen in alter und neuerer Zeit, 1914


Die Wurzel alles politischen Lebens in seiner ursprünglichen Form war von Anfang an die Verteidigung gegen äußere Feinde. Wir wissen, daß Volksstämme, die sonst in grauer Vorzeit noch keinerlei Zusammenhang untereinander hatten, zu engerem Zusammenschluß getrieben wurden, sobald ein Feind ihre Sicherheit bedrohte, ihr Eigentum zu rauben und ihre Weideplätze und Jagdgründe selbst ausnützen wollte. In solcher Gefahr wählten die Krieger den tapfersten und stärksten zu ihrem Führer, und aus solchem "Heer-Adel" erwuchs allmählich die dauernde Herrschaft eines einzelnen Mannes über einen Volksstamm. Am besten verfolgen wir das in der Geschichte der germanischen Völker.
Ursprünglich ist der "Herzog" kein ständiger Herrscher oder Fürst, sondern wie es der Name andeutet, nur der tapfere Krieger, der dem Heere voranzog, immer durch den freien Willen seiner Krieger gewählt. Von "Untertanen" oder "Gottesgnadentum" war damals noch keine Rede. Sobald der Krieg vorüber war, erlosch auch meistens die Herrschaft des Herzogs. Auch der Cheruskerfürst Hermann besaß in Friedenszeiten nicht die Macht, die er mit dem Schwerte gegen die Römer in der Hand hatte. Kein Wunder, wenn im ursprünglichen Leben der Völker der Krieg als die einzige Betätigung gemeinsamen Auftretens und des politischen Lebens erschien. Die Gesetzgebung und die Beratung über Dinge des Friedens hatten lange nicht die Wichtigkeit wie der Krieg. Brach der Krieg aus, so wurden entsprechende Förmlichkeiten gewählt, die der Feierlichkeit und Bedeutung des Krieges entsprachen.

Opferhandlungen vor Beginn der Feindseligkeiten und Anrufungen der Götter waren allen Völkern gemeinsam. Wir wissen, daß die Priester für solche Kriegsopfer besonders feierliche Formen wählten, um die Krieger zu begeistern, und daß diese nicht in die Schlacht zogen, ehe diese Feierlichkeiten genau erfüllt waren. Es wird im Alten Testament dem König Saul ausdrücklich zum Vorwurf gemacht, daß er in der Kriegsnot gegen die Philister nicht abwartete, bis der Hohepriester Samuel erschien und das Opfer verrichtete! 

Sagten die alten Athener einem Feindesvolke den Krieg an, so jagten sie einen Widder ins feindliche Gebiet, zum Zeichen, daß dieses aus einer bewohnten Stätte der Menschen ein verlassener Weideplatz werden sollte, oder sie warfen eine Lanze über die Grenze des feindlichen Landes.
Bei dem kriegerischen Volk der Römer waren die Gebräuche bei Ausbruch einer Fehde weit feierlicher. Sie besaßen ein besonderes Priesterkollegium, das aus den zwanzig Ferialen bestand. Mitglieder der vornehmsten Familien wurden auf Lebenszeit zu Ferialen gewählt, erteilten bei Streit mit anderen Völkern ihr Gutachten über Krieg und Frieden, forderten Genugtuung oder gaben die durch Auslieferung des Schuldigen und erklärten im Namen des Staates den Krieg, wie sie auch Verträge und Frieden schlossen. Forderte der römische Staat Genugtuung von einem anderen Volk, so gingen vier Fetialen an die Grenze. Einer der Fetialen war der Sprecher, ein anderer trug auf seinem Haupte einen Kranz von heiligen Kräutern, die auf dem Kapitol zu Rom gepflückt sein mußten und die Gesandtschaft unverletzlich machten. Erfolgte innerhalb einer gesetzten Frist die geforderte Genugtuung nicht, so erklärte der Sprecher der Fetialen den Krieg und warf einen blutigen Speer über die feindliche Grenze. Als im Laufe der Jahrhunderte aus Rom das große römische Weltreich geworden und die Kriegsschauplätze sich immer weiter von der Stadt Rom entfernten, wären die Reisen der vier Fetialen zu lang geworden. Seit dem Kriege gegen Pyrrhus, den König von Epirus (280 vor Christi Geburt), fand die Zeremonie der Kriegserklärung durch die Fetialen in Rom am Tempel der Bellona statt. Vor diesem Tempel der Kriegsgöttin am Marsfelde zu Rom stand die Kriegssäule, die den Grenzstein zwischen dem römischen Reiche und dem Auslande darstellte. Über diese Kriegssäule warf der Fetial dann den die blutige Lanze. 
Erst der ausrückende römische Feldherr überbrachte dem Feinde die eigentliche Kriegserklärung. Zugleich wurde in der Stadt Rom der Tempel des Gottes Janus am Forum, dem Hauptplatze des alten Rom, offengehalten. Seine Pforten waren stets geschlossen, sobald das römische Volk keinen Krieg führte. Das ist seit der Königszeit im achten vorchristlichen Jahrhundert bis zum Tode des Kaisers Augustus nur viermal der Fall gewesen. War der Friede oder ein wichtiger Vertrag mit einem fremden Volke geschlossen, so opferte der Vorsteher der Fetialen ein Schwein und gebrauchte zum Schlachten des Opfertieres einen im Tempel des Jupiter-Feretrius aufbewahrten scharfen Kiesel. 

Solche Steinwaffen urältester Form waren auch bei anderen Völkern im Gebrauch, wen besonders feierliche Opfer den Göttern dargebracht wurden. Diese Steinwaffen waren ja die ursprünglichsten kriegerischen Werkzeuge, die Beile und Messer der Völker in grauer Vorzeit, und überall haben die Priester, um das hohe Alter ihrer feierlichen Gebräuche zu betonen, diese Steinwaffen noch gebraucht, als längst schon das Erz geschmiedet wurde. Aus der römischen Geschichte kennen wir aber auch noch eine andere Form der Kriegserklärung. Nach Karthago schickten die Römer vor dem ersten Punischen Kriege ihren Gesandten, der am Schlusse seiner Rede im karthagischen Senat seine Toga, das Gewand der römischen Männer, zusammenrafft und erklärte, er halte Krieg und Frieden in den Falten seiner Toga. Die Karthager sollten wählen. 

Statt der Fetialen waren im Mittelalter die Herolde Vertreter der Völker, wenn es sich um Krieg oder Frieden handelte. An den Fürstenhöfen waren diese Herolde ständige Beamte und wurden aus erfahrenen und wehrkundigen, angesehenen Leuten gewählt. In Friedenszeiten hatten sie das Hofzeremoniell, die besonders festgesetzten Gebräuche an fürstlichen Höfen, zu überwachen. Sie hatten auch bei Turnieren zu entscheiden, ob die erschienenen Ritter turnierfähig seien, und mußten die Ordnung an den Turnierschranken aufrechterhalten. Ebenso entschieden sie in Lehns- und Adelssachen, überbrachten bei Zweikampf oder Fehde die Herausforderung und führten die Chroniken und Wappenbücher. Für alle diese Dinge galten bei den Herolden bestimmte Satzungen und Gebräuche, die jeder kennen mußte, der als Herold ein Amt verwaltete. In besonderen Vereinigungen wurde diese Heroldskunst und- Wissenschaft gelehrt. Solche Vereine hießen Heroldien. Man unterschied darin einfache Fußboten, nichtadelige Leute und Roßboten, die unterste Stufe des eigentlichen Heroldsamtes. Roßboten mußten ritterbürtig sein. Den zweiten Rang in der Zunft nahmen die Gehilfen der Herolde, die "Persevanten" ein. Sieben Jahre mußten sie gedient haben, ehe sie Herold wurden. Der Vorsteher einer Heroldie war der Wappenkönig. Je höher die Stellung eines Fürsten oder Herrn war, desto größer war natürlich das Ansehen seines Herolds. Die kaiserlichen oder Reichsherolde hatten namentlich auf den Reichstagen die vorgeschriebene Ordnung zu überwachen. Die Stellung der Herolde verlor mit dem sinkenden Rittertum ihre Bedeutung. An den fürstlichen Höfen übernahmen besondere Hofbeamte die Obliegenheiten der Herolde. Meistens waren die Hofmarschälle und Zeremonienmeister die Nachfolger der Herolde, die in neuerer Zeit nur noch bei Krönungen, Huldigungen fürstlichen Hochzeiten und besonderen Gelegenheiten auftraten. Ein Heroldsamt haben aber noch einige Staaten erhalten. So Rußland und Preußen. Das preußische Heroldsamt ist eine Abteilung des königlichen Hausministeriums und entscheidet in Standes- und Adelssachen.

Das ganze Mittelalter hindurch überbrachten Herolde die Kriegserklärung. Diese hieß bei den deutschen Völkern die "Absagung". Nicht immer wurde der Brauch der Franzosen im Mittelalter beobachtet, der eine Frist von vierzig Tagen zwischen der Absage und dem eigentlichen Angriff forderte. Die Sitte des Absagens durch Herolde kam im Laufe der Jahrhunderte in Verfall. Seitdem die Fürsten an fremden Höfen ihre ständigen Gesandten unterhielten, übernahmen diese die Pflichten der Herolde bei Forderung von Genugtuung und Kriegserklärung. Solange Friede zwischen zwei Staaten herrscht, bestehen zwischen ihnen durch die Gesandtschaften diplomatische Beziehungen. Diese werden abgebrochen, sobald ein Zwist nicht mehr auf gütlichem Wege zu erledigen ist.
Der Abbruch der diplomatischen Beziehungen geschieht in der Weise, daß der Gesandte "seine Pässe zurückverlangt" oder daß ihm diese zugestellt werden unter Bestimmung einer Frist, innerhalb der der Gesandte das Staatsgebiet zu verlassen hat. Ursprünglich verstand man unter diesen Pässen die Geleitsbriefe für den ausreisenden Gesandten, die ihn unter den Schutz der Fürsten stellten, in deren Gebiet er sich aufhielt. Heute versteht man darunter die Beglaubigung, die er bei seinem ersten Auftreten an einem Hofe dem fremden Souverän überreicht und die dieser seinem Minister der auswärtigen Angelegenheiten zur Aufbewahrung gibt. Daher ist dieser Minister stets in der ersten Audienz eines Gesandten zugegen. Solange die "Pässe" in den Händen des Ministers bleiben, galt der fremde Gesandte als amtlich beglaubigt und genießt sämtliche Vorrechte, die ihm zustehen. Verlangt der Gesandte seine Pässe oder stellt der Minister sie ihm zu, so ist er nicht mehr beglaubigt.
Der Abbruch der diplomatischen Beziehungen in dieser Form ist aber noch nicht gleichbedeutend mit der Kriegserklärung. Gesandte wurden schon öfters abberufen, ohne daß der Krieg zum Ausbruch kam. Im jetzigen Krieg sind es die Botschafter der Vereinigten Staaten in London, Paris und Petersburg, die unsere Mitteilungen an England oder Rußland vermitteln. In Rom hat die Schweiz diesen Dienst für das Deutsche Reich und Spanien für Österreich-Ungarn übernommen.
Die Kriegserklärung, d.h. die förmliche Ansage des Krieges, folgt dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen meistens und bestimmt den Termin, an dem sich das kriegerklärende Land als im Kriegszustande befindlich betrachtet.......Fortsetzung folgt

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