Moderne Amateurphotographie, Sommer 1889

Das Einstellen der Kamera
Noch vor wenigen Jahren war so ein wandernder Photograph eine wahre Jammergestalt. Bepackt wie ein Saumtier konnte er wohl nie der Neugierde des Publikums entgehen, das ihn während seiner Operationen gaffend und wohl auch Späße machend umstand. Wenn er nicht Gefahr laufen wollte, daß seinem Apparate, während er im Dunkelzelte die Platten präparierte oder entwickelte, von böswilligen Buben, von zudringlichem Weidevieh oder heftigem Winde nicht gerade die schonendste Berührung zuteil werde, war es unbedingt notwendig, wenigstens einen Diener bei sich zu haben. Landschaftsaufnahmen im Gebirge waren ohne bedeutende Hilfs- und Tranportkräfte des massenhaften Krames überhaupt nicht ausführbar.
Ich erinnere mich wohl nicht ohne ein stilles Lächeln unterdrücken zu können, wie ich mit meinem Bruder einmal den Vater, der auch zu den „nassen“ Amateuren gehörte, auf einer photographischen Exkursion, die zumeist wohl nicht weit vom Hause weggingen, begleitete.
Während Väterchen im dunklen Kasten, das schwarze Tuch unter den Armen zusammengebunden, mit seinen Platten zauberte, hetzten wir unseren Hund herum. Leider kam dieser aber bei einem Rückzuge von unseren Angriffen mit den Beinen des Künstlers, sowie den Füßen, worauf der Kasten stand, in eine derartige Verwickelung, daß alles ins Wanken und Schwanken geriet, bis Platten, Flaschen, Tassen, Kasten samt dem Amateurphotographen, der sich erst mit Mühe aus seinem verwüsteten, dunklen Versteck losmachen konnte, in einem wirren Knäuel durcheinander lag. Eine silbergeschwärzte Wange meinerseits, die von einer mir unliebsamen Berührung mit der silbergebadeten Hand meines Vaters herrührte, war so ziemlich das beste Bild unserer damaligen Exkursion.
Entfalten des Photoapparates

Welcher Photograph von dazumal war nicht schon von weitem an seinen mit geschwärztem Silber befleckten Händen oder durch den Äthergeruch seines Laboratoriums zu erkennen? Jedermann fürchtete sich, einem Photographen für ein paar Stunden ein Zimmerchen zu einem improvisierten Laboratorium abzutreten, da stets an Tischen, Stühlen und Boden die schwarzen Spuren seiner Tätigkeit zurückblieben.

Welcher Gegensatz zu heute!
Ein Tornisterchen am Rücken oder als Tasche in der Hand wandert der heutige Amateurphotograph durch Berg und Tal, durch Stadt und Land, schöne Erinnerungen oder auch wertvolle Studien von den durchwanderten Gegenden sammelnd. Ja, noch mehr! Ein Paket oder Buch in der Hand, dessen äußere Form den photographischen Momentapparat verdeckt, fängt er auf seinen Platten zusammen, was da kreucht und fleucht. Vom Hut hängt ein Schnürchen herunter, wie zur Sicherheit gegen den Wind, ein Zug an demselben und das gegenstehende Objekt hat sein Bild in der im Hut verborgenen Geheimkamera abgedrückt. Im Knopfloch sitz das wunderwirkende Kleinod oder als Uhr in der Westentasche. Und mit welcher Reinlichkeit kann gegen früher alles gehandhabt werden. Auf der Reise plagt man sich mit keinen zerbrechlichen Flaschen und Tassen, mit Glaceehandschuhen läßt sich die heutige Amateurphotographie betreiben, weshalb sie sich denn auch schon in allen Kreisen als Liebling eingebürgert hat. Ein fröhlicher Freundeskreis, eine lustige Jagdgesellschaft, eine heitere Tafelrunde sitzt beisammen, da zieht einer ein Kästchen aus der Tasche, entfaltet es zu einem photographischen Apparat und ehe man sich´s verhofft, ist man auch schon auf der lichtempfindlichen Platte festgebannt.
Geschlossener Apparat auf dem Stativ
Welcher Jubel, welches Gelächter, wenn nach ein paar Tagen das Bild vorgelegt wird! Der Künstler wird umringt und bewundert, jeder behauptet, noch nie in seinem Leben so gut wie auf diesem Bilde „getroffen“ zu sein. Jeder möchte nun selbst ein Amateurphotograph werden, wenn die Sache, wie er meint, nur nicht so schwer zu erlernen wäre. Dem ist aber nicht so arg.
Während früher im nassen Kollodiumverfahren es fast unbedingt notwendig war, in der Chemie eineige Vertrautheit zu besitzen, um nicht sein Geld in verdorbenen Silberbädern und Chemokalien zum Fenster hinauszuwerfen und von der ganzen Amateurphotographie nichts als Verdruß und Ärger zu haben, braucht man heute, ich wage es getrost zu sagen, wenn man nichts weiter als ein paar hübsche Bilder, Landschaften. Gruppen ec, machen will, von der Chemie wohl nicht viel mehr zu verstehen als etwa der Bock von der Gärtnerei.

Die Photographie auf Trockenplatten läßt sich ohne Lehrmeister spielend in kürzester Zeit erlernen. Ja, es kommt vor, daß Leute heute vom Händler einen photographischen Apparat mit Laboratorium und Gebrauchsanweisung, odr sagen wir doch mit einem kurzgefaßten Handbuch der Photographie beziehen und in ein paar Tagen bereits im Besitze ganz netter selbstgefartigetr Bilder sind. Ich habe in der Kunstanstalt für Amateurphotographie des Herrn R. Lechner in Wien zum wiederholten Male die Gelegnheit gehabt, eingesandte Erstlingsaufnahmen zu sehen, die meine Bewunderung erregten. Und doch darf man dies Resultat nicht allein der Güte des Apparates – Davids photographischer Salon- und Reiseapparat – oder dem Genie des angehenden Photographen, sondern hauptsächlich der Einfachheit des Verfahrens zuschreiben.
Überblicken wir einmal ganz flüchtig die Herstellung eines Negativs, von dem dann in beliebiger Anzahl positive Kopien auf Papier hergestellt werden können, welche Arbeit an Leichtigkeit der Erlernung noch den Negativprozeß übertrifft.
Der im Tornister sorgfältig verpackte Apparat wird auf das zerlegbare oder als Stock verwendete Sativ aufgesetzt und sodann entfaltet. Nach Ansetzung des separat aufbewahrten Objektivs an die Camera wird das aufzunehmende Bild mittels eines Triebes oder einer Schraube und eventueller Zuilfenahme einer Lupe auf der matten Glasscheibe schafr eingestellt und der Apparat zur Vermeidung jeder weiteren Verschiebung mittels der Klemmschrauben am Stativ fixiert. Nachdem man nach der Helligkeit des Objektes die Expositionszeit, die näherungsweise auch aus Tabellen entnommen werden kann, beurteilt hat, wird an Stelle der matten Scheibe die Kasette mit der lichtempfindlichen Platte eingeschoben und exponiert. Um mehrere Aufnahmen nacheinader zu machen, sind im Tornister fünf bis sechs Doppelkasetten mit je zwei Platten verwahrt, die hernach in einem dunklen Zimmer oder des Nachts, da man auf Reisen zumeist im Tage mit zehn bis zwölf Aufnahmen ausreicht, beim Lichte einer kleinen roten Laterne ausgewechselt werden. Ob die Platten nach Wochen oder nach Monaten entwickelt werden, ist gleichgültig, nur müssen bis dahin die exponierten Platten gegen jedes Licht und Feuchtigkeit geschützt werden. Zu Hause richtet man sich ein dunkles Kämmerchen her, in welchem nun die Platten bei rubinrotem oder braunem Licht entwickelt werden.
Man gibt zu diesem Zwecke die exponierte Platte, auf der noch das Bild verborgen ist, in eine Tasse mit Entwicklungsflüssigkeit, die man entweder schon vorgerichtet beziehen oder bei größerem Bedarfe selbst leicht herstellen wird. Nach kurzer zeit zeigen sich bei richtiger Expositionsdauer auf der während der Entwicklung in schaukelnder Bewegung befindlichen Platte die hellsten Lichter als sich allmählich schwärzende Partien, es tritt immer mehr und mehr vom Bilde hervor, bis endlich dasselbe vollständig detailliert erschienen ist und sich auch auf der Rückseite der Platte zeigt. Hat man etwas zu kurz oder zu lang exponiert, so kann durch geeignete Hilfsmittel der Fehler gleich ausgebessert werden. Nach einigen aufmerksamen Aufnahemn und Entwicklungen trifft man auch die Expositionszeit ziemlich genau. Das entwickelte Bild wird mit Wasser gut abgespült und in das Fixierungsbad gelegt. Das fixierte Bild kann nun ans Tageslicht gebracht werden, wird gut gewaschen und zur Auswässerung der letzten Spuren des sonst die Gelatineschicht zerstörenden Fixiernatrons einige Stunden in öfters erneuertes Wasser gelegt. Hierauf wird das Negativ an einem staubfreien Ort getrocknet und eventuell zum Schutze der Gelatineschicht mit einem durchsichtigen Lack übergossen.
Das Photolabor
Von diesem Negativ lassen sich beliebig viele positive Abdrücke auf photographisches Papier machen, welches man ebenfalls schon zum Gebrauche hergerichtet in den verschiedensten Sorten zu kaufen bekommt. Will man recht wenig Mühe und trotzdem sehr nette Bilder haben, so empfiehlt es sich, die Bilder auf „Liesegangs Aristopapier“ zu kopieren. Die Kopien werden, wie sie aus dem Kopierrahmen kommen, in das Tonfixierbad gelegt, wodurch sie gleichzeitig eine schöne Farbe bekommen und, gegen das Licht gesichert, fixiert werden. Nachdem man nun die fixierten Bilder gut gewaschen, werden sie getrocknet und mittels Kleister auf Karton geklebt.
Wenn wir aus dieser flüchtigen Skizze auch noch nicht das Photographieren erlernt haben, so hat sie uns doch gezeigt, daß die Technik der heutigen Photographie sehr leicht zu erlenen ist.
Die einst auf einen engen Berufskreis beschränkte Lichtbilderkunst greift immer tiefer und tiefer in das ganze Publikum ein und wird zum Gemeingut aller Menschen. Aber nicht bloß als Spielerei, um sein Album mit selbstgefertigten Porträts undLandschaftn zu bereichern, betreibt der eigentliche Amateurphotograph diese schöne Kunst, nein, das ist nur die erste Stufe, die er zu nutzbringendem Wirken betritt. Wir haben die gegnwärtigen Fortschritte in der Photographie fast ausschließlich Amateuren zu verdanken, die wie Pioniere den Weg immer weiter bahnen und die Photographie zu allgemeinem Nutzen, zu den interessantesten Forschungen in den Naturwissenschaften führen.
Während Elektrizität und Galvanismus, sagt Stein, der sich mit der Anwendung der Photographie in verschiedenen Wissenschaften großes Verdienst erworben hat, für die gegnseitige Annäherung der Völker dienstbar gemacht wurden, während der Dampf den heutigen weltbewegenden Verkehr geschaffen und zur Hebung und Förderung der Industrie in ungeahntem Maße beigetragen, während die Lehre vom Schalle ihre praktische Verwertung in der Musik gefunden, war es den Strahlen der Sonne vorbehalten, auf den verschiedensten Gebieten der Wissenschaft und Kunst durch die Photographie in mannigfacher Richtung Großes und Bewundernswertes zu leisten. Wie die anderen genannten Fächer wurde auch sie in erster Linie dem praktischen Leben nutzbar gemacht, bis in der neuesten Zeit ihre Leistungsfähigkeit für wissenschaftliche Studien erkannt  wurde, um in kurzer zeit zu bedeutenden und erfolgreichen Resultaten zu führen.
Durchfliegen wir einmal ganz flüchtig die Bestrebungen und Erfolge, die bis jetzt die Amateurphotographie zu Tage gefördert hat, ohne des Umstandes eingehender zu erwähnen, daß die Photographie ihren gegenwärtigen Höhepunkt zumeist Amateuren zu verdanken hat.
Die Astronomie, die Königin der Wissenschaften, hat sich die Photographie als wertvolles Hilfsmittel ihrer Erforschung der Sternenwelt dienstbar gemacht. Die photographischen Sonnen- und Mondbilder, die Aufnahmen der Planeten und Kometen, die Erscheinungen auf der Sonne, die insbesondere zur Zeit derFinsternisse sichtbaren Lichtwolken, Protuberanzen, die wie ungeheure Brände und Feuerflammen dem sonnenkörper entstömen und zu Tausenden von Meilen emporgeschleudert werden, die fernsten Sternhaufen, die mitunter wegen ihrer fast endlosen Entfernung sich für das fernrohr nur in ein schwachleuchtendes Lichtwölkchen zusammendrängen, die so mannigfach gestalteten Nebelflecke, die der beste Zeichner nicht naturgetreu wiederzugeben vermag, werden in dem Dunkelraum der photographischen Camera festgebannt- zu vergleichenden Studien und zur Belehrung der Mit- und Nachwelt.
Welchen Gegensatz dazu bildet die Mikrophotographie! Der Mikroskopiker ist durch die Photographie in den Stand gestezt, das mühsam präparierte Objekt im Bilde zu fixiern. Auch die Meteorologie- die ganze Physik versucht aus der Photographie ihren Nutzen zu ziehen. Der rasche Blitz, der prachtvolle Strahlenkranz des Nordlichtes, die eilig dahineilende Sternschnuppe werden trotz der Schnelligkeit des Entstehens und Wiedervergehens dieser phänomene gezwugen ihr Bild und ihren Weg auf der photographischen Momentaufnahe zu hinterlassen. Meeresströungen in den Tiefen der Weltmeere verraten sich mittels der Photographie, die der Kanone enteilende Kugel bildet sich mittels geeigneter Vorkehrungen photographisch ab und läßt ihre rotierende Bewegung, sowie die Form der ihr vorauseilenden Luftwelle erkennen. Ganz unbezahlbare Dienste verspricht auch die Photographie den medizinischen Studien zu leisten, um beispielsweise den Entwicklungsgang einer Krankheit zu verfolgen.
Momentaufnahmen von sich bewegenden Menschen oder Tieren, von fliegenden Vögeln zeigen Stellungen, die das Auge gar nie zu erfassen im Stande ist. Wird Raschheit in der Aufnahme verlangt, um beispielsweise das Leben und Treiben der Tierwelt zu belauschen, so bietet uns die jetzt so überaus vervollkommnete Momentphotographie das einzige Mittel, dies zu erreichen. Die neuesten künstlichen Lichtquellen, z.B. das Blitzpulver, gestatten uns Höhlen, Bergwerke, Katakomben und dergl. aufzunehmen.
Der Forschungsreisende, der Tourist, der Ingenieur profitieren von dieser einmaligen Errungenschaft ebenso wie das Dedektiv- und Polizeiwesen sowie das Militärwesen.  Beispielsweise im deutsch-französischen Krieg korrespondierte, während der Belagerung ganz Paris mittels Luftballons und Taubenpost mit der Außenwelt. Es wurden die Depeschen ganz klein photographiert und zu Tausenden, in einem Federkiele eingeschlossen, durch die Taube expediert.

So oberflächlich dieser Durchblick über die vielfache Verwendung der Photographie in Kunst und Wissenschaft, sowie im öffentlichen Leben war, so sahen wir doch, wie sich heute die photographische Kunst fast überall ihre Wege gesucht und gebahnt hat und wie ein goldener Faden sich durch das Leben und Treiben, Forschen und Streben der Menschen zieht. Mögen diese Zeilen ein Scherflein beigetragen haben, Sympathie für die Photographie zu erwecken und ihr neue Freunde zu erwerben.
 

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