Über Kuraufenthalte, 1906

Nicht nur von ernsten Dingen spricht die Wiener Gesellschaft, auch von Heiteren. So erzählt man sich von der vorzüglichen Idee eines hiesigen Liebespaares, die wirklich weitergegeben werden soll, damit auch andere von ihr profitieren.

Er - ein verheirateter Mann in Amt und Würden; sie - eine stadtbekannte, bildhübsche Künstlerin. Sie
konnten zusammen nicht kommen, denn seine häufigen Besuche im Heim der Dame hätten der Klatschsucht nicht verborgen bleiben können; auch eine gemeinsame Reise wäre bald auffällig geworden.Da kam die rettende Idee und beide zogen - in ein fashionables Sanatorium. Wenn auch die beiden Appartements Tür an Tür lagen - niemandem konnte es auffallen, daß die Dame zum Wohl ihrer schlanken Taille sich einer Diätkur unterzog und der Herr Direktor, seinen zerrütteten Nerven zuliebe, unter ärztlicher Kontrolle eine Kaltwasserkur mitmachte.

Ein Sanatorium ist eine Freistätte für alle, die mühselig und beladen sind, und Sanatoriumsangestellte sind gewöhnlich diskret. So genoß das Paar seine Flitterwochen, ohne daß sie der Stätte ihrer beruflichen Tätigkeit entzogen worden wären und ohne daß der Frieden des direktorlichen Hauses eine Störung erfahren hätte.

Obdachlose Liebespaare sollten dieser schönen Idee folgen - vorausgesetzt, daß sie über das nötige Kleingeld verfügen. Es könnte dann ihnen - und den Sanatorien geholfen werden.

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