Wiener Theaterleben 1890

Adolf  Ritter von Sonnenthal

Der März 1890 hat uns ziemlich bewegte Theaterwochen gebracht. Im Theater an der Wien gastieren die "Münchener", im Carl-Theater Herr Schweighofer, im Deutschen Volkstheater Herr Mitterwurzer, in der Hofoper sang Fr. Sthamer-Andriessen einige Rollen der Frau Materna, als deren Nachfolgerin sie in Aussicht genommen ist, und im Burgtheater - ja da ist jetzt Urlaubszeit.

Herr Robert, Herr Hartmann und Frau Hohenfels sind zur gleichen Zeit beurlaubt, ihnen folgt alsbald Herr Sonnenthal, der uns für sieben Wochen verläßt, und dessen Schicksal in der zweiten Hälfte des Spieljahres im Burgtheater entschieden werden soll. Sein Werk wird entweder ungenügend besetzt oder es wird bald aus dem Spielplan verschwinden, denn es herrscht vom Februar ab ein ununterbrochenes Kommen und Gehen im Burgtheater. Die Interessen des Theaters, der Autoren und des Publikums sind ganz gleichgültige Dinge, denn die erste deutsche Bühne ist nun vorhanden, damit diejenigen der Schauspieler gewahrt werden.
Unsere armen Hofschauspieler sind recht übel dran. Sie haben so kleine Gehälter (Herr Sonnenthal bezieht bloß 18.000 Gulden), daß sie davon unmöglich leben können, und so müssen sie sich auswärts ihr Brot verdienen. In den Ferienmonaten geht dies nicht, denn da heißt es ruhen und sich schonen, also muß in der vorösterlichen Zeit Raum geschafft werden für eine Massenbeurlaubung.
Adolf Sonnenthal "König Lear"
Fr. Molterer ruht jetzt auf ihren Lorbeeren, die sie sich als Leah in den "Makkabäern" ersiegte, Herr Sonnenthal begnügt sich mit dem Lear, den er uns gespielt, und das Publikum erhält jetzt die Pariser Posse "Schwiegermama" als Abfertigung für dieses trostlose, durch den Tod Försters zur Unfruchtbarkeit verdammte Spieljahr. Der Nachfolger Försters ist noch immer nicht gefunden und der provisorischen Direktion Sonnenthal mit dem Herrn Sekretär Dr. Burkhard fehlt "die Kraft der Initiative". Der Herr Sekretär sitzt bei den Proben und "lernt Direktor", und wenn er so gelehrig ist, als der Herr Intendant Baron Bezecny glaubt, so soll er nach Ablauf eines halben Jahres das Zepter in die Hand gedrückt erhalten. Heute ist unser Burgtheater also die Experimentier- und Versuchsbühne für einen künftigen Direktor. Lassen wir sie in Frieden!
Die "Münchener" haben auch diesmal in Wien großen Zuspruch gefunden, aber das Bedauern darüber, daß diese ausgezeichnete Truppe fast durchweg nur mittelmäßige Stücke in ihrem Spielplan hat, war ein noch größeres als im Vorjahr. An Anzengruber wagen sich die "Münchener" in Wien gar nicht, sie bieten uns ausschließlich oberbayrische Nationalspeisen.


Herr Schweighofer ist nach Jahre langer Abwesenheit von Wien im Carltheater als "Null Anerl" wieder bei uns erschienen. Daß das Volksschauspiel "s Nullerl" einen inneren Wert, poetischen Gehalt hat, ist ihm zum Glück nicht hinderlich gewesen in seiner Laufbahn. Herr Schweighofer steckte es in seinen Reisesack und trägt es schon seit Jahren als Virtuose durch die Lande. Auch bei uns hat er sich schon produziert damit und es ist bezeichnend für seine künstlerische Armut, daß er zur selben Zeit, da die "Münchener" in Wien gastieren und Anzengrubere im Volkstheater gepflegt wird, nichts besseres gewußt hat, als wie als Nullerl wiederzukommen. nach wenigen Tagen schon spielte er vor leerem Hause, denn das Personal des Carltheaters steht zu tief unter ihm, an eine erbauliche Gesamtwirkung war nicht zu denken. Den ersten Abend seines Gastspiels hat Fräulein Jenny Groß aus Berlin verherrlicht durch ein einmaliges Auftreten als "Gabi" im selben Stück. daß wir die Künstlein am nächsten Morgen wieder an Berlin abgeben mußten, war sehr bedauerlich. Es wäre ein schöner Spielraum für sie im "Deutschen Volkstheater" zu Wien.

Das Letztere macht uns manchmal die Freude einer guten Einzelleistung, die Gesamttätigkeit desselben aber ist nicht erbaulich. Ein Gast ist immer der Mittelpunkt dieses jungen Theaters, das noch heute nicht gelernt hat auf eigenen Füßen zu stehen.

Herr Tyrolt war der erste Gast, dem folgte Herr Tewele, jetzt kommt Herr Mitterwurzer. Die erstgenannten Künstler sollen vom Herbst ab fest an dieses Theater gebunden sein, Herr Mitterwurzer aber, den es als Regisseur und glänzenden Charakterdarsteller so dringend nötig hätte, läßt sich leider nicht an dasselbe binden. jetzt bringt er uns als erste Neuheit das historische Intrigenlustspiel "der Kriegsplan" von Werther und der Verfasser eilte aus Stuttgart herbei, um sein Werk selbst in Szene zu sehen. Herr Dr. J. von Werther wird immer genannt, so oft der Direktionssitz des Burgtheaters frei wird; jetzt soll er ihm endlich vergönnt sein, die Vorstellung eines eigenen Stückes in Wien zu inszenieren und einzustudieren und man ist allgemein gespannt auf das Ergebnis.
Das Wunder der vorösterlichen Wiener Theaterzeit ist, daß es keine Operetten hier zu sehen gibt. Das Personal des Theaters an der Wien gastiert in Triest, während die "Münchener" uns beglücken und das Carltheater tritt mit der Aufführung des ernsten Volksstückes "Einer von altem Schlag" in die Fußstapfen des Volkstheaters. Herr Schweighofer versprach uns dieses Stück, aber er begnügte sich damit, eine Karikatur in der Pariser Narrenposse "Fifi" darzustellen als sein Null Anerl nicht mehr interessierte, und er verließ uns mit Hinterlassung des denkbar geringsten Eindrucks, den das zwanzigtägige Gastspiel eines so anspruchsvollen Virtuosen zurücklassen kann.

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