Zur Historie der Rauchverbote,1893


Es ist gerade fünf Jahre her, seitdem in sämtlichen Moscheen von Marokko ein Schreiben des Sultans verlesen wurde, welches seinen Untertanen, den Ein- und Verkauf von Tabak und selbstredend auch das Rauchen bei sonstiger schwerer Ahndung untersagte. Gleichzeitig wurde das Staats-Tabakmonopol abgeschafft, alle maurischen Tabakläden wurden geschlossen und große Quantitäten von "Kief", getrocknete Blüten einer Hanfart, welche die Marokkaner leidenschaftlich gerne rauchen, öffentlich verbrannt. In Folge dessen entstand in Tanger ein Tumult, der damit endete, daß über 200 Personen ins Gefängnis geschleppt wurden.
Bald vermehrte sich die Anzahl der Gefangenen, denn es wurden Raucher auf den Straßen angetroffen und, wie es das Schreiben des Sultans angedroht hatte, als Verbrecher in den Kerker geworfen. Dort ließ man sie eine Zeit lang schmachten, dann wurden sie vor Gericht gestellt und teils zu Stockprügeln, teils dazu verurteilt auf Esel gesetzt und durch die Straßen von Tanger gepeitscht zu werden. Jenen zwei Männern aber, welche das Rauchverbot vor dem Kadi höchst tyrannisch genannt und erklärt hatten, dasselbe nie und nimmer beachten zu wollen, schnitt der Henker auf richterlichen Befehl die Lippen ab, damit sie nicht mehr rauchen könnten.
Warum der Sultan jenes, inzwischen längst wieder aufgehobene Rauchverbot erlassen, blieb natürlich sein Geheimnis. Er hielt nämlich das Rauchen für unrein und nahm somit denselben Standpunkt ein, welchen lange vor ihm König Jakob I. Von England in seiner im Jahre 1603 erschienen Schrift:"Nisocapnus", der Rauchfeind, vertreten hatte. Zum Schlusse derselben warnte dieser König seine Untertanen vor der seit 1586 in England florierenden Unsitte des Tabakrauchens und als dies ohne Erfolg blieb, verbot er zunächst seinen Hofleuten in Theatern und Kirchen zu rauchen. Bald darauf, im Jahre 1604, aber erließ er ein Gesetz, wonach das Rauchen jedermann untersagt war, und wer diesem Genusse dennoch fröhnte, vom Volk ohne weiteres durchgeprügelt werden konnte. Edelleute aber sollten selbst die geringfügigste Übertretung dieses Rauchgesetzes mit dem Verlust des Bartes büßen und barfuß aus London ausgewiesen werden.
 
In Deutschland ließ man zu jener Zeit das zumeist in den sogenannten "Tabagien" (Rauchcollegien in öffentlichen Lokalen) betriebene Rauchen noch passieren, in Rußland aber ergingen bereits allerlei "gelinde" Verwarnungen wider dasselbe und als sie fruchtlos blieben, verordnete Zar Michael Feodorowitsch mittels Erlaß vom Jahre 1634, daß das Rauchen allgemein verboten und jeder gegen dieses Gesetz verstoßende, der Strafe des Nasenaufschlitzens verfallen sei. Der Sohn des vorigen und Vater Peter des Großen, Zar Alexis, bestätigte das obige Gesetz, nur daß er auf das Rauchen die Todesstrafe setzte. Dieselbe stand ein paar Jahre später auch in Lüneburg "auf dem liederlichen Werke des Tabaktrinkens", worunter ursprünglich nur das Rauchen aus Wasserpfeifen (Nargilehs), allgemach aber das Rauchen überhaupt verstanden wurde.
Gelinder war das sächsische Rauchverbot vom Jahre 1651, denn derjenige, der es übertrat, hatte in Anbetracht dessen, "daß er von dem garstigen Schmauch und Rauch, schändlichen Spriezeln und Auswefen, heftigem Niesen und Schneuzen und was dergleichen, mit Verlaub zu gedenken, Unflats mehr ist, ohnehin genug Verdrießlichkeiten, Unlust, Beschwer und Grauen habe," bloß 5 Taler Strafe zu zahlen. Ebensoviel mußte der Wirt blechen, der noch "Tabagien" duldete und die gleiche Strafe war auf den Tabakverkauf gesetzt.
Da sich aber Bürger und Gesellen dessen ungeachtet das edle Kraut, welches im 17.Jahrhundert bald Thapak, Thaback oder Taback genannt wird, zu verschaffen wußten, stellte der Ulmer Magistrat behufs Durchführeung seines Rauchverbotes die sogenannten "Gassenknechte" an, die Tag und Nacht auf Raucher fahnden und dieselben sofort zur Wache zu bringen hatten, worauf sich dann der hohe Rat mit den Malfikanten eingehend beschäftigte und ihnen eine der damals in ganz Würtemberg auf die böse "Sucht des Rauchens" gesetzten Strafen- Pranger oder Prügel, zuweilen auch beides- zuerkannte.

Die Berliner Obrigkeit diktierte den Übertretern des Gesetzes vom Jahre 1661, womit das "nebst allerhand anderen" eingerissenen Mißbräuchen und Unordnungen ebenfalls in Schwang gebrachte Schmauchen des amerikanischen Tabakkrautes ein für allemal verpönt worden war, gleichfalls den Pranger, nur daß damit längere oder kürzere Gefängnishaft verbunden war. Übrigens galt, einer Polizeiverordnung zufolge, "das öffentliche Tabakrauchen auf den Straßen und Plätzen" Berlins noch im Jahre 1810 für "ebenso unanständig als gefährlich und dem Charakter gebildeter ordnungsvoller Städte entgegen," so daß dasselbe nicht nur für Berlin, sondern auch für Charlottenburg und den Tiergarten untersagt wurde. An den beiden letztgenannten Orten durfte nur vor den Türen der Häuser und vor den Zelten von dort Sitzenden und Stehenden geraucht werden. Wer sich hiergegen eine Übertretung erlaubte, wurde angehalten, ihm die Pfeife abgenommen und er mit 5 Reichstaler Geld oder verhältnismäßiger Gefängnis- oder Leibesstrafe belegt. Wiederholungsfälle zogen erhöhte Strafen, Widersetzlichkeiten oder augenblickliche Arretierung nach sich.
 
Ähnliche Verordnungen und Gesetze bestanden in fast allen Städten Europas. Denn wenn man auch das Rauchen nicht mehr, wie der Dichter Jakob Balde aus Ensisheim im Elsaß anno 1658 öffentlich getan, "die trockene Trunkenheit" nannte, und die Titel Rauchpfeiffer, Rauchstänker, Feuersäufer, Rußlecker, Dunstpfeiffer, Pipendrucker, Supenschmacker, Rimpfnasen, Glotzaugen, Strobelköpfe, Rußbänke, Schmutzklauen, liederliche Gesellen usw, welche Balde den Rauchern verliehen hatte, längst vergessen waren, so wurde das öffentliche Tabakrauchen doch bis weit in unser Jahrhundert hinein für unanständig gehalten. Noch vor zwanzig Jahren mußte man in Österreich-Ungarn die Pfeife oder Zigarre vor jedem Wachtposten aus dem Munde nehmen.

Wie sehr haben sich seitdem die Zeiten geändert. Die Staaten haben ein Interesse daran, daß recht viel Tabak geraucht werde und niemandem fällt es ein, die Raucher in Baldescher Weise zu traktieren. Auch gibt es nirgends ein allgemeines Rauchverbot, sondern bloß spezielle Rauchgesetze. So ist das Rauchen an gewissen Orten, wie z.B. in Theatern, Konzertsälen, Frauenabteilungen der Eisenbahnwagen und sonstigen Verkehrsmitteln bekanntlich nicht gestattet und Schaffnern,
Begleitern und Kutschern der öffentlichen Lohnfuhrwerke bei sonstiger Ahndung verboten, solange sie in Ausübung ihres Dienste begriffen sind.
In Rußland wieder dürfen die Soldaten auf den Straßen nicht rauchen, weil bei dem Umstande, daß selbst in größeren Städten sich noch Häuser aus Holz und Stroh finden, durch das Rauchen viele Brände hervorgerufen worden sind, und den Angehörigen fast aller europäischen Armeen ist es verboten, bei Spaziergängen in den Städten aus der Pfeife zu rauchen. Personen geistlichen Standes dürfen dies natürlich gar nicht tun und sollen sich öffentlich auch mit der brennenden Zigarre nicht sehen lassen. Das diesfällige Rauchverbot ist übrigens ein sehr Altes. Es datiert nämlich schon aus dem Jahre 1723 und wer es damals, sowie im 18.Jahrhundert überhaupt verletzte, der wurde seines Amtes entsetzt. Daher mag es wohl kommen, daß sich unter den Geistlichen viel mehr Schnupfer als Raucher finden.
Von weiteren Rauchverordnungen wären zunächst jene zu nennen, welche das Rauchen in den Sitzungen aller öffentlichen Körperschaften verpönen. Das jüngste diesfällige Gesetz kam erst vor Jahresfrist im Parlamente von Nebraska zu Stande. Den äußeren Anlaß dazu gab folgender Vorfall:

Ein Abgeordneter namens Gale, der sich dadurch, daß er bei verschiedenen Gelegenheiten einen unabhängigen Sinn betätigte, bei seinen Parteigenossen gründlich verhaßt gemacht hatte, zündete sich während der Sitzung eine Zigarre an. Außer ihm rauchten zwar noch verschiedene andere Mitglieder, da aber Gale es, wie geagt, mit allen verdorben hatte, so beschloß man, an ihm ein Exempel zu statuieren, und ein anderer Abgeordneter machte den stellvertretenden Sprecher Shrader, einen persönlichen Gegner Gale´s, auf den Frevler aufmerksam. Der Sprecher befahl ihm, sofort das Rauchen einzustellen, aber Gale erklärte, jeder Mensch habe bekanntlich das unveräußerliche Recht auf Leben, Freiheit und das Streben nach Glück; er habe schon seit Jahren die Gewohnheit, den Tag über zu rauchen und sein persönliches Glück sei schwer beeinträchtigt, wenn man ihm das Rauchen verbiete. Sofort nach dieser Erklärung zündete sich noch ein halbes Dutzend Abgeordneter Zigarren an; der Sprecher wies jedoch den Quästor an, nur den widerspenstigen Gale hinauszuführen. Letzterer appellierte an das Haus und es sntstand ein fürchterlicher Tumult, der endlich durch einen Vertagungsantrag vorläufig und bald darauf durch ein, das Rauchen im Parlamentsgebäude verbietendes Gesetz endgültig geschlichtet wurde.

Auch in verschiedenen anderen nordamerikanischen Staaten, wie z.B. New-York, Connecticut und Süd-Carolina wurden neuestens Rauchgesetzte beschlossen. Doch war deren Spitze nicht gegen Abgeordnete, sondern gegen die rauchende Jugend gerichtet. Obwohl die Übereinstimmung in Sachen der Gesetze sonst nicht zu den starken Seiten der Union gehört, nahm man diesmal doch überall an, daß ein Kind, welches tatsächlich oder augenscheinlich unter 16 Jahren alt ist, absolut nicht rauchen dürfe und wenn es dies dennoch tue, mit einer Geldstrafe von 2 bis 10 Dollar zu belegen sei, wohingegen Tabakhändler, die Kindern Rauchmittel verkaufen, die zehnfache Buße zu zahlen haben.

Darob entstand großes Wehklagen unter den Tabaksleuten, aber immense Freude unter den – Automatenfabrikanten. "Durch den Zigarrenautomaten," sagen diese zu den Händlern, "könnt ihr ganz ungehindert an den ältesten Greis ebensogut wie an den kleinsten Buben Zigaretten verkaufen, denn der Automat bedient jeden, der Geld in seine Öffnung wirft und er hat keine Augen!" - und sie hatten leider Recht. Einige von den ersten Händlern angestellte Versuche fielen vortrefflich aus, der Verkauf war sogar ein Höherer als früher, selbst diejenigen Knaben, welche sich sonst wenigstens noch geschämt hatten, kauften in aller Dreistigkeit beim Automaten, - der ja keine Augen hatte. Und er hat sie noch heute nicht und die amerikanische Jugend dampft somit trotz der sie betreffenden Rauchverbote vergnüglich weiter. Dasselbe geschieht in der Schweiz und überall, wo ähnliche Gesetze bestehen und wird so lange geschehen, bis man jeden Schuljungen unter strenge

Polizeiaufsicht zu stellen vermag. Deshalb bemüht man sich nicht erst mit diesfälligen Rauchverboten und als ein solches jüngst in Frankreich dennoch erlassen werden sollte, da genügte der Hinweis darauf, daß, wenn eine derartige Maßregel etwas nützen würde, sie von Deutschland längst angewendet worden wäre, die Vorlage zu Fall zu bringen.

Nebst den behördlichen Rauchverboten und Gesetzen gibt es selbstverständlich auch solche privater Natur. In Prag z.B. existiert gegenüber dem Altstädter Rathause ein Weinhaus, in dessen Räumen das Rauchen unbedingt verboten ist, und in Berlin und London haben die Besitzer gewisser Kaffeehäuser ihren weiblichen Gästen das Rauchen untersagt, worauf über die Klage der Betroffenen von den angerufenen Richtern das Erkenntnis gefällt wurde, daß in öffentlichen Lokalen, wo Männer rauchen, auch Weiber rauchen dürfen. Nur in seiner Wohnung darf Jedermann das "Stänkern", wie ja das Rauchen von seinen Gegnern genannt wird, ohne Angabe von Gründen untersagen, und es pflegen dies insbesondere Damen zu tun und diejenigen, welche sich gegen dieses Gebot versündigen, gewöhnlich durch Ausweisung zu bestrafen.

Eine Russin begnügte sich aber nicht damit, sondern ließ sich sogar von ihrem Manne scheiden, weil er das Rauchen zu Hause nicht aufgeben wollte, und eine vornehme Pariser Dame empfing überhaupt niemanden, der im Verdacht stand, ein Raucher zu sein. Dann aber, als sie einmal den herrlichen "Bernsteinteint" eines jungen Mädchens bewunderte und auf die Frage, durch welches Mittel die Schöne zu ihrer gelblichen Gesichtsfarbe gekommen sei, zur Antwort erhielt, daß dieselbe Buffetdame in einem stets von Tabakrauch erfüllten Kaffeehause gewesen sei, zog sie ihr Verbot nicht nur zurück, sondern machte es den Besuchern ihrer Salons- Herren und Damen- sogar zur Pflicht, daselbst so viel als möglich zu rauchen und stellte die dazu nötigen "Kräuter" edelster Sorte in Hülle und Fülle bei,- alles in der Hoffnung, durch den Einfluß des Tabakrauches den nicht nur von ihr, sondern auch von anderen bewunderten "Bernsteinteint" zu erlangen. Wenn sich diese Hoffnung nicht erfüllt haben sollte, dürfte die Dame das Rauchen natürlich wieder untersagt haben,wie denn
für derlei Verbote überhaupt die verschiedenartigsten Gründe maßgebend sind und waren.

Von Staatswegen wurde wie schon erwähnt, früher die Unanständigkeit und Feuergefährlichkeit des Rauchens ins Treffen geführt, heute aber, wo z.B. in Österreich dieseits der Leitha allein im Jahre 1890, 75 Millionen Gulden in Rauch aufgegegangen sind, würde jeder Finanzminister augenblicklich zurücktreten, wenn ein allgemeines Rauchverbot erlassen werden sollte. Das Rauchen ist eben ein Faktor geworden, mit dem umso mehr gerechnet werden muß, als einem englischen Statistiker zufolge erst ein Achtel der Menschheit raucht und der Tabak somit als Genußmittel mit der Zeit noch mehr einbringen wird, als dies gegenwärtig geschieht.
 
Ein Rauchverbot ließe sich daher nicht mehr aus sittlichen, sondern einzig und allein aus gesundheitlichen Gründen rechtfertigen. Glücklicherweise ist aber auch den diesfälligen Bestrebungen der Tabakfeinde ein Riegel vorgeschoben worden. Dr. Erich Keibel hat nämlich nachstehende zehn Rauchgesetze erlassen:

    1. Man darf nie und nimmer eine Zigarre weiter rauchen, die entweder nicht luftdicht ist oder zu wenig Luft hat, kurz eine solche, die schlecht brennt.
    2. Man rauche aus der Pfeife nur ganz leichten Tabak, denn schon leichter Tabak wird in der Pfeife wegen des ungenügenden Luftzutritts zum schweren, d.h. auch schon leichter Tabak entwickelt viel Nikotin.
    3. Man hüte sich im Allgemeinen davor, dunkle Zigarren zu rauchen, denn dieselben deuten darauf hin, daß der Tabak eine starke Gärung durchgemacht hat, wobei sich viel Ammoniak entwickelt, welches andererseits das Nikotin frei macht und damit seinen Übergang in den Rauch befördert.
    4. Man schränke das Rauchen echter Havanna- Zigarren auf das möglichst geringste Maß ein. Man mache sich zur Regel, eine solche Zigarre nur ein- oder höchstens zweimal während des Tages und dann nur nach dem Essen zu rauchen, denn erfahrungsgemäß wirken importierte Havanna- Zigarren am schädlichsten.
    5. Man rauche nie die Zigarre bis zum zum äußersten Ende, denn die Schwere der Zigarre wächst, je kleiner sie wird. Auch hüte man sich vor dem Schlucken des Rauches, welches bei manchen Rauchern beliebt ist. Die Chancen für die Aufnahme des Nikotins sind hierbei größer, gleichzeitig wird der Magen durch das scharfe Nikotin gereizt.
    6. Man rauche eine Zigarre, die ausgegangen und eine Zeit lang liegen geblieben war, nicht wieder von Neuem an. Man rauche überhaupt so wenig wie möglich, jedenfalls aber nur in größeren Zwischenräumen, unter keiner Bedingung mit nüchternem Magen.
    7. Wenn irgend möglich, rauche man Pfeife, und zwar mit recht langem Rohr, sehe hier jedoch auf die peinlichste Reinlichkeit, denn eine unreine Pfeife vergrößert die Gefahr, indem sich im Rohr durch Verdichtung viel Nikotin ansetzt, welches sodann später sich verflüchtigt und vom Raucher nebst dem Nikotin des eben rauchenden Tabaks aufgesogen wird.
    8. Keine Zigarre, noch viel weniger eine Zigarette rauche man ohne eine gut eingerichtete sehr reinlich zu haltende Spitze. Durch das Kauen und Zerbeissen der Zigarre gelangt viel Nikotin in den Speichel und damit in den Körper, von welchem das Nikotin sehr leicht aufgenommen und absorbiert wird.
    9. Das Rauchen werde nie früher betrieben, ehe der Organismus nicht vollständig ausgebildet ist, keinesfalls also vor dem 20. Lebensjahre.
    10. Keine Pfeife, keine Zigarre, keine Zigarette rauche man, ohne Lust dazu zu haben. Gesunden, vollkommen normal ausgebildeten Erwachsenen schadet, wenn diese "Gesetze des Rauchens" genau beachtet werden, das Tabakrauchen nicht im Allergeringsten, im Gegenteile wird ihnen der Tabakgenuß, wenn mäßig betrieben, besser und ungefährlicher als jeder andere narkotische Genuß, Befriedigung gewähren und in ihnen einen heiteren Sinn und eine ruhige Gemütsstimmung erwecken. Kein Narkotikum ist zudem, die moralische Seite ins Auge gefaßt, eines Kulturmenschen würdiger, als der Tabak.
    Ganz derselben Ansicht ist der berühmte englische Naturforscher Professor Hurley. "Es ist nicht zweifelhaft," sagte er in einem in der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft gehaltenen
    Vortrage, "daß der Tabak die Sitten mildert und daß das Rauchen, wenn es mäßig geschieht, eine komfortable und selbst löbliche Gewohnheit ist, deren Wirkungen ausgezeichnet sind. Ja, meine Herren Tabakfeinde, eine Pfeife ist nicht schädlicher als eine Tasse Tee. Man kann sich vergiften, wenn man unmäßig Tee trinkt und man kann sich umbringen, wenn man zuviel Beefsteaks ißt. So kann man sich auch krank machen, wenn man unmäßig raucht. Mäßig genossen übt der Tabak jedoch eine beruhigende Wirkung aus, die ich in den meisten Fällen als eine Wohltätige betrachte."

    Und wie Hurley dachte auch Fürst Bismarck über das Rauchen und sprach sich diesfalls am klarsten im Jahre 1871 aus, als Jules Favre, der bei ihm in Versailles erschienen war, um wegen der Übergabe von Paris zu verhandeln, die ihm zunächst angebotene Havanna mit der Begründung ablehnte, überhaupt nicht zu rauchen. "Sie haben Unrecht," sagte der Fürst, "wenn man eine Unterhaltung beginnt, die zuweilen zu Erörterungen führt, Heftigkeiten hervorruft, so ist es besser, wenn man beim Sprechen raucht. Wenn man raucht, sehen Sie, so lähmt die Zigarre, die man in der Hand hält und die in den Händen wirbelt, ein wenig die physischen Bewegungen. Moralisch, ohne uns in irgend einer Weise unserer geistigen Fähigkeiten zu berauben, beruhigt sie uns. Die Zigarre ist eine Ablenkung. Dieser blaue Rauch, der in Spiralen emporsteigt und dem man wider Willen mit den Augen folgt, erfreut Sie, macht sie versöhnlicher. Man ist glücklicher, der Blick ist beschäftigt, die Hand hat etwas zu tun und der Geruchssinn ist befriedigt. Man ist geneigt, sich gegenseitig Zugeständnisse zu machen, und unser diplomatisches Geschäft besteht aus unaufhörlichen gegenseitigen Zugeständnissen. Sie, der Sie nicht rauchen, haben über mich, den Raucher, allerdings einen Vorteil: Sie sind wachsamer, und einen Nachteil: Sie sind eher geneigt, sich hinreißen zu lassen, einer ersten Bewegung zu folgen, während ich als Raucher, alles ruhig erwäge."
     
    Jules Favre rauchte zwar dessenungeachtet nicht, aber Bismarcks Äußerung über den Wert des Rauchens scheint seither in der diplomatischen Welt zum Gesetze erhoben worden zu sein und allgemein, ganz besonders jedoch vom Präsidenten der französischen Republik, Carnot, beachtet zu werden. Denn es ist bekannt, daß bei allen Zusammenkünften dieses Staatsoberhauptes mit Diplomaten und bei allen Festen, die er ihnen gibt, Zigarren in Hülle und Fülle vorhanden sind. Dieselben stehen immer in großen Kübeln in den Raucherzimmern; jeder Besucher nimmt eine Handvoll "zum Andenken" mit. Der Präsident, weit entfernt, sich über zu große Kosten- sie haben schon 12000 Frc. Für einen Abend betragen- zu beklagen, belobte bei Saldierung der letzten Rechnung den Lieferanten und sagte heiter: "Ich sehe zu meiner Befriedigung, daß Sie mich gut bedienen, die Zigarren finden allgemeinen Anklang und haben mir sehr viele Freunde gemacht. Hoffentlich werden wir recht lange in Geschäftsverbindung bleiben."

    Diesem und all dem Gesagten nach dürften also die Tabakfeinde, welche die Pfeife mit Jakob I. einen Höllenzauber und eine Satanskralle, die Zigarre aber "Giftnudel, Glimmdocht, Glühzapfen, Lippenszepter, Nikotinkrüppel, Pestrohr, Stinkgurke, Pfennigdraht, Sargnagel, usw." nennen, nicht hoffen, ihr Ziel- ein allgemeines Rauchverbot aus sanitären Gründen- zu erreichen. Im Gegenteile, die Luft zu rauchen, zieht immer weitere Kreise und der frühverstorbene deutsche Dichter Hippolyt Schaufert hat alle Aussicht dereinst ein Denkmal zu erhalten, denn er war es, der allen Rauchern aus der Seele sprach, als er die Frage: Was das Rauchen ist? - in seinem Preislustspiele "Schach dem König"- folgendermaßen beantwortete:
    "Als der Constabler
    Des Himmels, jener Engel mit dem Schwert,
    Den Adam aus dem Paradiese trieb,
    Da bückte sich der arme Mann und brach
    Ein Kräutlein sich am Wege zur Erinnerung,
    An den verwirkten lichten Himmelsgarten,
    Zum Trost im langen Dunkel der Verbannung,
    Zum Unterpfand der Hoffnung. Dieses Kraut
    Hieß er Tabak. Und Tabakrauchen heißt
    Soviel, als sich ans Paradies erinnern,
    Ja Duft vom Paradiese antun- kurz
    Ein himmlicher Genuß!"

    Freilich wird derselbe sehr oft durch die schlechte Qualität der Zigarren und dadurch verbittert, daß in mancher Rauchrolle – denn dies ist das vom Pfarrer Zeller in Waiblingen bei Stuttgart ersonnene, mit dem von einem Tabakhändler ausgesetzten Preise von 100 Mark belohnte Ersatzwort für Zigarre, nicht immer Rosenblätter und Liebesbriefe, sondern häufiger Haare, Fetzen, Nägel, in einer italienischen Zigarre sogar Kalk, Gips und Erde entdeckt wurde. Allein die Raucher lassen sich in ihrer Liebe durch derlei Mischungen nicht beirren. Sie dampfen weiter und man kann füglich sagen, daß dermal bereits keine Macht der Erde im Stande wäre, einem allgemeinen Rauchverbote Geltung zu verschaffen.


    Keine Kommentare:

    Kommentar posten

    Mit dem Abschicken eines Kommentars akzeptieren Sie unsere Datenschutzerklärung.