Der Kampf gegen die Junggesellen 1896


n früheren Zeiten hieß von einem gewissen Zeitpunkte an jeder Unverheiratete: Hagestolz, eine Bezeichnung, deren Abstammung und Bedeutung weiterhin erörteret werden soll. Der Ausdruck: Junggeselle in seiner heutigen Bedeutung, wurde erst im 15. Jahrhundert üblich.
Der Zeitpunkt, wann ein Unverheirateter ein "Hagestolz" wurde, war in verschiedenen Gegenden abweichend festgesetzt. In Niedersachsen trat dieser wichtige Augenblick mit 50 Jahren 3 Monaten und 3 Tagen ein, im Odenwalde dagegen, wie einst in Rom, schon mit 25 Jahren. Im Übrigen schwankte dieser Termin sonst überall zwischen 40 und 50 Jahren, doch so, daß Jedermann genau wußte, ob er mit 40, 41 oder mehr Jahren Hagestolz werde.
Und diese Wissenschaft war durchaus nicht so gleichgültig, wie sie es etwa heute ist. Denn vordem gab es in deutschen Landen ein sogenanntes "Hagestolzenrecht", wonach alle diejenigen, "welche wider Gottes Einrichtung und Gebot den Ehestand verschmähten", zur Strafe dafür für unfähig erklärt wurden, nach erreichtem Hagestolzenalter über ihr Vermögen testamentarisch zu verfügen. Alles, was sie außer Lehen und Stammgütern besaßen verfiel der Konfiskation durch den Staat und wurde vom Fiskus ebenso unnachsichtig eingezogen, wie früher der Nachlaß der Hörigen vom Grundherrn.


Überhaupt waren die Gesetzgeber, namentlich die des 16. Jahrhunderts, auf den ehelosen Stand etwa so schlecht zu sprechen, wie etwa die Tscherkessen, die ihn für entehrend halten, oder die Hindus, Rumänen und andere Völker, die jeden Unverheirateten für ein schädliches Mitglied der Gesellschaft ansehen, denn sie verfügten unter Anderem auch noch, daß es den Hagestolzinnen gerade so ergehen möge, wie den Hagestolzen, desgleichen Witwern und Witwen, welche dreißig Jahre unverheiratet in ihrem Stande verharrten.

Ähnliche Gesetze bestanden auch in anderen Staaten, aber keines war schärfer als jenes, welches unter Ludwig XIV. für das damals noch zu Frankreich gehörige Kanada erlassen wurde. Kraft dessen wurden nämlich allen Junggesellen, die innerhalb einer gewissen Frist nicht zur Ehe schritten, die Jagd, der Fischfang, ja sogar der Handel verboten, kurz ein Kampf gegen sie eröffnet und geführt, dem sie nur durch Verheiratung oder Auswanderung entgehen konnten.

Noch ärger liegen heute die Verhältnisse im nordamerikanischen Staate Oregon. Dort herrscht nämlich, wie amerikanische Blätter melden, gegen die Junggesellen ein so starres, fast bis zum Hasse gesteigertes Vorurteil, daß ihnen alle Existenzberechtigung abgesprochen und unter den Neuangekommenen nur derjenige Junggeselle geduldet wird, der sich zunächst nach einer Barut unter den Töchtern des Landes und dann erst nach einem Stück des letzteren umsieht. Dem Unseligen, der ohne Heiratsgedanken über die Grenze kommt, wird die Ansiedlung mit allen Mitteln erschwert, man entreißt ihm sogar nächtlicherweise sein Besitztum und zerstört seine mühsam bebauten Felder.
Trotz alledem hatten sich in Deadwood Creek in den letzten zwei Jahren siebzehn Junggesellen angesiedelt, die ein Schutz- und Trutzbündnis eingingen, sich dadurch ihrer Haut wohl zu wehren wußten, alle Anschläge der Junggesellenhasser vereitelten und so die heiligsten Gewohnheiten der oregonischen Hinterwäldler zu vernichten drohten. In dieser Not schafften die Frauen, die in jenem Gebiet einen bedeutenden Anteil an der lokalen Gesetzgebung nehmen, Rat und Abhilfe, indem sie beim Countryrat einen Entwurf einbrachten, welcher folgende Satzung enthielt:

"Jeder unverheiratete Mann hat drei Jahre nach seiner Niederlassung in diesem Country eine Frau zu nehmen. Junggesellen, die am Ende dieser Frist noch unverlobt sind, werden durch die Bürgerpolizei aus der Niederlassung vertrieben und im Widersetzungsfalle - gehenkt."

Und dieser Entwurf ward wirklich zum Gesetz! Alle Vorstellungen und Eingaben der bedrohten Junggesellen fruchteten nichts, von der Staatslegislatur kam nicht einmal eine Antwort zurück. Mit den Männern von Deadwood war indeß nicht zu spaßen und noch weniger mit den Frauen, und so machten sich die Wirkungen des neuen Gesetzes bald genug bemerkbar. Von den siebzehn Hagestolzen veräußerten fünf ihre Besitztümer und zogen in die Ferne, zehn verheirateten sich nach kurzer Zeit, einer ist gegenwärtig verlobt und einer jüngst polizeilich über die Grenze befördert worden, denn seine Zeit war abgelaufen, ohne daß er gewählt hätte.

Aufgeknüpft wurde allerdings Keiner, aber dennoch hat kein Staat der Welt den Kampf gegen die Junggesellen so auf die Spitze getrieben wie Oregon.

Selbst das alte Rom nicht, als daselbst gegen Ende der Repuplik das Junggesellentum aus Abneigung gegen die Opfer und Lasten des Ehestandes in beispielloser und geradezu unnätürlicher Weise um sich gegriffen hatte. Alles was man damals tat, bestand nämlich in der Vorschreibung gewisser Abgaben, und als dies nichts half, in der Erlassung der sogenannten Lex Papia-Popäa. Dieses Gestz erschien im Jahre 9 n. Chr. und bestimmte, daß, wenn ein Jüngling mit 25, ein Mädchen aber mit 20 Jahren noch unverheiratet sei, Beide in ihrem Erbrechte beschränkt sein sollten.
Dessen gänzlich verlustig gingen sie, wenn sie mit 60 beziehungsweise 50 Jahren noch immer nicht verheiratet waren. Das obige Gesetz schloß übrigens sämmtliche Junggesellen von allen Ehrenämtern unbedingt aus und suchte sie auch in der öffentlichen Meinung herabzusetzen, indem es ihnen die schlechtesten Plätze im Theater anwies.   Fortsetzung folgt........


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