Der liebe Weihnachtskuchen 1894

"Backe, backe Kuchen,
der Bäcker hat gerufen!" 

heißt es in dem uralten Kinderreim, und "Dichten und Backen gerät nicht immer!" lautet ein wohl ebenso uraltes Sprichwort, welches seine teilweise Bestätigung eben durch oben angeführten Reim ja bereits erhält.
Wenn ich mich trotzdem heute dazumache, die Weihnachtskuchenbäckerei mal unters Mikroskop zu nehmen, so geschieht dies aus dem Gefühl heraus, daß Kuchenbacken und Kuchenessen zweifellos sogenannte "integrierende" Bestandteile des herzigen Weihnachtsfestes sind, besonders für die lieben Kleinen, denen zu Ehren die schöne Feier doch im Wesentlichen auch eigentlich stattfindet.
Wie aber die Vorfreude anerkanntermaßen bei jedem Genuß das Beste zu sein pflegt, so sind auch die Vorbereitungen zum Kuchenbacken und späteren Kuchenessen für die Kinder zu allen Zeiten stets etwas überaus Aufregendes gewesen; ihre Phantasie ist mit den lieblichsten Bildern gefüllt, ihre Augen glänzen und sie werden bei dem Gedanken, mitbacken zu dürfen, schon ganz- rotbäckig.

Während nun also der gestrenge Herr Papa in den letzten Tagen vor dem Heiligen Abend wie ein gänzlich von der Familie Ausgestoßener draußen auf der Straße, resp. in sonst nie gekannten Kneipen, umherirren muß, damit er nichts, absolut nichts, von all den vielen Vorkehrungen zum trauten Weihnachtsfeste zu sehen bekommt (denn er soll ja überrascht werden!), finden da drinnen im großen Familienzimmer die unheimlichsten Geheimniskrämereien statt, die lebhaft an das lichtscheue Treiben von Dynamitbomben anfertigenden Anarchisten erinnern und doch sämtlich nur in dem höchst unschuldigen Ausschmücken des Weihnachtsbaumes, sowie in dem Zusammenrühren und Formen des Kuchenteiges ihr Ziel haben.
An diesem letztgenannten Vorvergnügen teilzunehmen, ist das seit undenklichen Zeiten bestehende, unverbrüchliche Recht der artigen Kinder! Und da es nun in der verblüffenden Poesie weiter lautet:

                                                 Wer da will Kuchen backen,
                                                 der muß haben sieben Sachen---

so hat man auf unserem Bilde der kleinen achtjährigen Else eine der Siebensachen, und zwar die Mandeln, anvertraut, damit sie dieselben wiegt, ein Vorgang, der ihr ja von ihrer Puppe her nicht ganz so fremd ist!
Währenddessen sucht der sechsjährige Willy die großen Rosinen aus, die er im Sack hat. Was in beiden Fällen bei dieser "Arbeit" in den beiderseitigen Mündern verschwindet, entzieht sich selbstverständlich unsrer Kontrolle; immerhin dürfte es jedoch gar nicht so wenig sein, soviel wir die Sache kennen. Indessen handelt es sich hier nur um den allgemeinen Napfkuchen, ein Produkt, welches auch wohl zu anderen Festlichkeiten angefertigt zu werden pflegt. Bei Diesem kommt es auf eine Handvoll Zutaten mehr oder weniger nicht gar so sehr an, denn er wird nachher doch meistens in süßen Kaffee oder auch sogar in Schokolade - gestippt!- und ist daher wohl auch nicht so recht eigentlich als Weihnachtskuchen zu respektieren; ihm fehlt, sozusagen, das Charakteristische, das Weihnachtsaroma. Kurzum, solchen Wald- und Wiesennapfkuchen kann man sich auch ohne großen Aufwand von Phantasie als an jedem anderen Tage im Jahr gebacken vorstellen, und er dient während der Weihnachtszeit eigentlich nur dazu, um die gar zu großen Löcher im Magen zuzustopfen.



Weit wichtiger und hervorragender, in unser gesamtes kulturelles Leben tiefeinschneidend, ist dagegen der braune oder Pfefferkuchen, gemeinhin auch wohl Honigkuchen genannt, weil er sehr häufig mit einem großen Zusatz von Sirup gefertigt zu werden pflegt. Er ist der eigentlich Berufene unter dem gesamten Weihnachtsgebäck, der Matador oder noch besser gesagt der Meteor, um welchen sich in diesen Tagen die ganze Welt dreht, an dem kleine und große Kinder ihre Freude haben und an dem sie sich auch, groß oder klein,- krank zu essen pflegen!
Woher er stammt? wer ihn erdacht, erfunden, zuerst in die Welt gesetzt hat?
Ja, wer das wüsste! 

Wenn mich nicht alles täuscht, so hat er - dem alten Vater Homer vergleichbar - mindestens zwanzig Geburtsstätten, zwanzig Städte, die sich um den Ruhm streiten, ihn ursprünglich erzeugt zu haben. Und überall tritt er unter verschiedenem Namen auf. Da gibt es Aachener Printen, Thorner Katechichen, Nürnberger Lebkuchen und was weiß ich noch sonst für unglaubliche und etymologisch scher festzustellende Bezeichnungen. Aber durch alle diese Spezies und Spezialitäten, Arten und Abarten zieht sich ein großer Grundgedanke: sie schmecken sämtlich vortrefflich und- sind auch alle schwer zu verdauen.

Aber man ißt sie doch. Schon der "Wissenschaft" wegen. „Nieder mit dem Magen, es lebe die vergleichende Wissenschaft!" Das ist die große Parole, welche bewußt oder unbewußt in den Weihnachtstagen überall ausgegeben wird und deren Macht sich niemand entziehen kann, der einigermaßen für eine billigdenkenden Menschen gelten möchte.
Wer würde auch wohl z.B. so ungalant sein können, einer Tante, Großmama, Schwester oder sonst befreundeter Dame es abzuschlagen, ihre selbstgebackenen Pfefferkuchen verschiedenster Sorten durchzuprobieren, um dann gleichzeitig zu konstatieren, daß dieselben weit, weit würziger schmecken, als die gestern bei der Cousine oder gar bei dem Schwiegermütterchen genossenen? - Ich sicher nicht! Wer noch?- Ja, wie gesagt, so ist das! Und deshalb liegt auch der Anfertigung dieser

onigkuchen eine weit größere Bedeutung inne, als der des Napfkuchens. Da wird selbst die kleine achtjährige Else zur - Bildhauerin, indem sie aus dem rohen Teig einen Mann zurechtknetet (eine Art von Admiral scheint es mir zu sein), dem sie in Ermangelung goldener Knöpfe solche aus Rosinen in die Uniform drückt, während das kleine Brüderchen augenscheinlich nach dieser Richtung hin noch weniger Talent verrät, denn man sieht nicht recht, ob das Gebilde, welches es da in Arbeit hat, ein Kaninchen oder ein Haifisch werden soll. Nun, Künstler haben bekanntlich ihre Sonderbarkeiten und, wenn es fertig und gebacken ist, wird es schon etwas geworden sein, vielleicht sogar ein kleiner Piepvogel.

Vor allem aber hat der Honigkuchenteig eine ganz vorzügliche Eigenschaft: er läßt sich nämlich auch roh verzehren! Es ist dies nach meiner persönlichen Ansicht ein Vorteil, der gar nicht genügend gerühmt werden kann, und mit einem wehmütigen Wonneschauer entsinne ich mich aus meiner Kindheit, welchen wohltuenden Einfluß das Naschen von rohem Kuchenteige auf meine Seele, mein Gemüt und meine sonstige Konstitution ausübte. Man ist eben leider älter geworden und solcherlei Rohheiten nicht mehr zugeneigt.



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