Vorteile der Kriegsküche, Winter 1916/17

Eine Dame, welche aus Salzschlirf zurückkehrte, wußte mir vieles zu erzählen, was der Arzt über ihre Gicht gesagt hatte. Ihre Krankheit sei hauptsächlich durch den zu reichlichen Genuß von Fleisch gekommen.
Eta-Tragol-Bonbons
Eta-Tragol-Bonbons
"Und ich hatte Fleisch als Nahrungsmittel immer so hoch eingeschätzt, weil es doch so viel
Eiweiß enthält. Nun sagte mir der Arzt, das Fleisch enthalte sogenannte Nucleine, aus den Zellkernen stammende eigenartige Körper, welche die Harnsäure verursachen." Diese Nucleine finden sich im Muskelfleisch wie auch vor allem in der Milz, der Leber und anderen Teilen des tierischen Körpers.

Es ist also für viele gar nicht so schlimm, wenn hinsichtlich der Fleischnahrung ein kleines Fastengebot erlassen wurde. In der Pflanzennahrung sind wesentlich weniger Harnsäurebildner enthalten, auch in der Milch sind sehr wenig, in den Eiern fast gar keine. Zu reichlicher Genuß von Fleisch kann direkt schädlich wirken und die Entstehung mannigfacher Krankheiten beschleunigen, wenn die Stoffwechselvorgänge träger und langsamer ablaufen. Besonders ist dies der Fall bei jenen Menschen, von denen mehr geistige als körperliche Arbeit verlangt wird. Und bei wie vielen trifft dies in unserer Zeit zu, jetzt, da ganze Gebiete der Arbeitsbetätigung im Sinne der Gelehrsamkeit umgewandelt sind.
Mit der Veränderung der Lebensweise ist zugleich auch eine Schwächung der Nervenkraft eingetreten.
Man nahm lange an, der erwachsene Mensch gebrauche täglich 118g Eiweiß, es ist aber erwiesen, daß eine wesentlich niedrigere Eiweißzufuhr mit vollständiger Gesundheit und allen Äußerungen derselben vereinbar ist. Übermäßig gewonnene Kohlehydrate und Fette etablieren sich im Organismus zunächst als Körperfett, für das übermäßig gewonnene Eiweiß aber fehlt die Möglichkeit einer Deponierung. Erhöhte Eiweißzufuhr erhöht den Eiweißumsatz, es kommt zu stärkerer Wärmebildung und zweckloser Verbrennung im Organismus, Arbeitsmaterial wird in unnötiger Weise herangezogen.

Für viele ist es nicht schlimm, wenn eine Zeit lang weniger Fleisch gegessen wird, im Gegenteil, es ist ihnen von Vorteil. Die einfache Kriegskost bekommt ihnen sehr gut und manche Krankheiten gehen dabei zurück. Auch in normaler Friedenszeit war der einmalige Genuß von Fleisch am Tag vollständig ausreichend. Wenn uns jetzt nicht immer Fleisch zur Verfügung steht, so haben wir als Ersatz Fische, von denen bezüglich Ernährung ungefähr dasselbe gilt wie vom Fleisch.

Es wurden bei der Bevorzugung des Fleisches vielfach die anderen Nahrungsmittel zu wenig beachtet. Was Arbeit betrifft, so wird die Frau jetzt allerdings nicht entlastet. Sie muß im Gegenteil jetzt erst recht ihre Kraft zusammennehmen. Vor allem gemischte Kost. Angenehme Abwechslung mit wenig Fleischverbrauch. Es soll nicht dem Vegetarismus das Wort geredet werden, sondern nur der Fleischeinschränkung.
Kovacs Gemüse 1912
Kovacs Gemüse 1912
Manche Menschen essen nicht aus Bedürfnis viel Fleisch, sondern aus Gewohnheit. Wenn die Hausfrau ihren Angehörigen gute Zuspeisen, schmackhafte Suppen, gut gekochtes Gemüse, frisch gedünstetes Obst, gute, teils selbst bereitete Konserven und Lieblingsmehlspeisen auftischt, so wird sie bald merken, daß die Ernährung nicht unvorteilhaft beeinflußt wird. Es kann auch ruhig das eine oder andere an herkömmlichen Zutaten fehlen oder durch anderes, was zur Verfügung steht, ersetzt werden. Nachdenken und sorgen muß man dabei. Einfacher ist es allerdings ein großes Stück Fleisch in den Siedetopf oder die Bratröhre zu stecken und die minimalen Zutaten in der letzten Viertelstunde fertig zu stellen. Aber aus Liebe zum Vaterlande und zu den Ihrigen werden unsere Frauen ein wenig mehr Arbeit und Zeitaufwand wohl nicht scheuen.

Ähnlich wie mit dem Fleisch verhält es sich mit dem Fett. Es war sicherlich der Fettluxus in unserer modernen Küche viel zu groß geworden. Die in unseren Nahrungsmitteln enthaltenen Fette sind organische, mit Nährstoffen verbundene Fette, so wie sie die Natur für uns und unsere Organe bestimmt hat. Es gibt Völkerschaften, die ganz oder fast ganz ohne Fett leben und sich dabei recht gesund fühlen. Auch in Deutschland wurde bis zum Anfang des neunzehnten Jahrhunderts fast gar kein künstliches Fett gegessen, und nicht zum Schaden der Gesundheit.

Eigentlich ist das Fett mehr Geschmackssache, denn Fett ist nichts als ein Wärmebildner. Wärme wird aber auch erzeugt durch Mehl- und Zuckerstoffe.

Der übermäßige Genuß von Fett ruft ebenso wie der zu reiche Genuß von Fleisch Krankheiten hervor. Fette Speisen vermindern die Magenausscheidung, erzeugen Fett- und Gärungssäuren und schädliche Zersetzungen im Magen- und Darmkanal. Die Säuren entsalzen und verdicken das Blut und rauben ihm die Alkalien, die Nährsalze. Sie greifen die Organe an. Daher dann der Zug der kranken Menschen zu den Brunnen- und Badekuren,
das Bedürfnis nach Mineralwasser. Die natürliche Askaleszenz des Blutes dagegen schützt vor vielen Infektionen und vernichtet Infektionsstoffe, Selbstgifte und Bakterien. Dem salzarmen Blut fehlt die Fließkraft, weil es dick und kraftarm ist. Es zirkuliert zu langsam, nimmt wenig Sauerstoff an und gibt wenig Kohlensäure ab. Wir finden dann, daß die Zufuhr von künstlichen Salzen den Appetit anregt, die Verdauung fördert und sehr oft auch die Gewichtszunahme steigert. Die besten Lieferanten unseres wenigen Körperfettes sind Getreide-, Korn-, Wurzel- und Hülsenfrüchte, Mehle aller Art, Kartoffeln, Zucker und Früchte.

Sehr wichtig ist zur richtigen Ernährung aber das Kauen. Wenn die Kauarbeit und die Einspeichelung fehlen, gehen die kostbarsten Nährwerke verloren. Die alte Bauernregel "Schweig und iß" enthält eine wichtige Mahnung. Man soll beim Essen nicht viel sprechen, sondern seine Unterhaltung beim Essen selbst finden.
Fangen wir an etwas zu "fletschern". Magenkranke nehmen nach Fletscher gekaute Speisen an. Durch Fletschern wird auch Blinddarmentzündung verhütet. Ein Herr erzählte mir, daß er bei dem Fletschern nur ein Drittel seiner sonstigen Mahlzeiten gebrauchte. "Dabei fühlte ich mich wohler und kräftiger als früher, tue meinen Dienst und laufe mehr als sonst, ohne Ermüdung zu spüren." Der Mensch lebt nicht von dem, was er ißt, sondern von dem, was er verdaut. Es gehört zum Fletschern keine Überwindung sondern nur guter Wille und der Vorsatz zum Durchhalten. Eigentlich soll nach Fletscher jeder Bissen hundertmal gekaut werden, es kann ja auch etwas weniger sein. Hauptsache ist, daß möglichst viele Menschen sich eine andere Art des Kauens angewöhnen, eine Art, die eine bessere Durchspeichelung der Speisen zur Folge hat.

Zur Kunst, gut zu essen, gehört das Langsamessen, das Gutkauen, das Guteinspeicheln, dann braucht der Magen nicht überladen zu werden und wir können mit unserer Kriegsration recht gut bestehen. Wenn wir mäßig Fleisch und Fisch essen, die uns zu Gebote stehenden Nahrungsmittel schmackhaft zubereiten, nicht zu viel Fett gebrauchen und tüchtig kauen und einspeicheln, werden wir sicherlich keinen Schaden an unserer Gesundheit nehmen.
Der Feind, der uns zu einfacher Lebensweise zurückführt, hat uns dadurch nicht etwas Übles zugefügt sondern eine Wohltat erwiesen. Wir sind nicht gezwungen zu darben, wenn wir auch auf mancherlei verzichten müssen. Und verzichten werden wir gern für des Deutschen Reiches Bestand.
Hermine Wedel im Winter 1916/ 1917

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