Weihnachtsbäume 1905

s gibt keine zweite Sitte, die in Ländern deutscher Zunge so selbstverständlich wäre, wie die einen
Weihnachtsbaum zu putzen. Bis in die entlegensten Bauernhütten an den Berglehnen hinauf können wir an Weihnachtsabenden den Lichterbaum durch die viereckigen Fensterchen blinken sehen. Es sind rührende kleine Bäumchen, die dort aufgestellt werden. Winzige Tännchen mit bunten wunderlich gefalteten Papiersternen, mit gelben verbogenen Wachsstockkerzchen, versilberten Haselnußketten und einbäckig vergoldeten Äpfeln. Dennoch haben sie das Beste mit den glänzenden funkelnden Waldbrüdern, die meist vom Parkett bis zur Decke reichen und hinter den großstädtischen Spiegelscheiben leuchten, gemein: Sie entzücken ihre Beschauer!
Wenn wir heute unseren Leserinnen einige Weihnachtsbäume im Bilde vorführen, so wollen wir damit hübsche einfache und dennoch stimmungsvolle Dekorationen veranschaulichen.

Obenan haben wir einen orginellen Kugelbaum gestellt, dessen Photographie wir der Güte einer im Ausland lebenden Freundin unseres Blattes verdanken. Unser kleiner Kugelbaum war nicht im Walde gewachsen und strahlt doch so viel Feierlichkeit in seinem regelmäßigen Schmuck aus, daß wir seine Nachahmung allen, in anderen Breiten lebenden Leserinnen empfehlen wollen. In ganz kleinem Maßstab hergestellt ist er auch ein reizender Tafelschmuck; das Modell war 1 Meter 75cm hoch.

Man gebraucht dazu eine glatte Kiste, die weiß lackiert und mit einer Empiredekoration von roten Immortellenkränzen und -Tuffs und rotem Wollband umgeben wird. Der Stamm wird mit grünem Papier und Silberlamettaketten umwickelt. Die Kugelkrone besteht aus einem Moosballen, in den gedrahtete Kiefer- oder sonstige Nadelholzzweige dicht eingesteckt werden. Die gewöhnlichen Lichtträger, wie sie in den Stamm der Weihnachtsbäume eingebohrt werden, kommen auch da reichlich zur Verwendung. An jedem Lichttäger hängt ein Silberkomet und kleine Lamettabäumchen schmücken in gleichen Abständen die ganze Kugel.
Eine zackig gehängte Kette mit Sternen schließt den ganzen einfachen Ausputz ab, der mit den angezündeten Lichtern außerordentlich hübsch und weihnachtlich aussieht.

Die sehr effektvollen Lamettaschleifen und Lilienzier des nächsten Baumes ist leicht herzustellen. Die Lilien werden aus weißem Papier in einem ausgebogten Halbkreis zugeschnitten, zusammengedreht und mit Lamettabüscheln als Staubfäden gefüllt. Je drei werden zusammengestellt und krönen die gedrahtete Schleife aus Lamettaketten. Die oberen dünneren Zweige erhalten nur einzelne Lilien.

Der originelle, mit bunten Empirekränzen geputzte nächste Baum sieht in seiner bäuerlichen Farbenpracht besonders reizend aus und sticht von dem herkömmlichen Aufputz insofern sehr ab, als bei ihm aller glitzernder Lamettaflitter weggelassen wurde. Kleine hellblau und rot gefärbte Strohblumenkränzchen zieren die Tanne und werden mit bunten schmalen Bauernbändern gehalten.
Rechts und links werden in einfachen glatten Holz- oder Tonleuchtern große Kerzen aufgestellt, die anmutig mit Immortellen, Stechpalm- oder Mistelzweigen und Bauernbändern dekoriert werden. In gleicher Weise ist das große bronzierte lyraschild mit der Aufschrift "Fröhliche Weihnachten" umrandet.
Die "weißen" Weihnachtsbäume erfreuen sich jetzt so allgemeiner Beliebtheit, daß die Fabrikanten von Christbaumbehang diesem Geschmacke Rechnung tragen und die neuen Dekorationen für den Weihnachtsbaum vorherrschend in Weiß und Silber halten. So kann folgender Baumschmuck zur Nachahmung sehr empfohlen werden. Der durch Überbrausen mit Wasser von Staub und Schmutz gereinigte und wieder getrocknete baum wird reichlich mit imitiertem Brilliantschnee beworfen, wobei man den Stamm nicht vergessen darf; sodann werden die Äste an den Spitzen mit gläsernen Eiszapfen und Schneebällen recht verschwenderisch behangen und die Zwischenräume der Zweige in senkrechter und wagerechter Richtung mit Staniol-Lamettafäden, dem sogenannten Eistau, beworfen.

 Die Lichter und Lichthalter müssen weiß sein. Silberne Brilliantmanschetten, die für jede Lichtstärke passend zu haben sind und mit dem entzückenden glitzernden Aussehen noch den praktischen Vorzug verbinden, daß sie das abtropfende Wachs auffangen, erhöhen die strahlende Wirkung des Baumes.  Auch die neuenm, in einem silbernen Ringe frei schaukelnden Spiralchristbaumleuchter sehen reizend aus und lassen sich gut an der äüßersten Spitze aufhängen.

An der Baumspitze befestigt man eine silberne Weihnachtsglocke; aber den feenhaften Schmuck für sie bildet doch ein beweglicher Sternenhimmel mit zwölf rotierenden Silbersternen, die sich, sobald die Kerzen brennen, durch den warmen Lufthauch selbsttätig bewegen und den Baum verzaubern.

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