Der Krieg und unsere Kinder 1914

s war einmal. Wie böse Märchen muteten uns die Schilderungen der Alten und Uralten von den vergangenen Kriegsnöten an. Jetzt sind sie wieder zu unserem Schrecken Wirklichkeit geworden. Die Kriegsfurie rast wieder durch die Länder und hinterdrein das böse Gefolge der apokalyptischen Reiter, wie es die beiden großen Maler Dürer und Cornelius packend dargestellt haben: die Pest, die Teuerung, der Tod.
Und dennoch haben wir in diesen Tagen der bitteren Not auch allen Anlaß, vom Segen des Krieges zu sprechen. Es bestätigt sich jetzt tausendfach, daß der Krieg nicht nur böse Wunden schlägt und nimmt, sondern auch heilt und gibt. Wie sehen mit Erstaunen, wie eine große Wandlung in so mancher Beziehung durch unser ganzes Volk geht, wie manches mit einem Schlage geändert wird, das bis dahin große Anstrengungen kaum zuwege brachten, wie unser Geschlecht eine tiefe, nachhaltige Läuterung erfährt. Jawohl es bleibt wahr: der Krieg ist zum segensreichen, zum ernsten Erzieher der Massen geworden.
Im besonderen auch zum Erzieher der Jugend. Jeder Erzieher wird eifrig die Gelegenheiten
Lazar Melneczuk*
ausnutzen, die sich ihm ganz ungesucht gerade darbieten. Er weiß, daß sie besonderen Gewinn verheißen. Was das Kind unmittelbar erlebt, das erweckt seine Teilnahme, das dringt in Geist und Gemüt ein, das trägt hundertfältige Frucht. Heute dürfen wir eine Gelegenheitserziehung im besten Sinne des Wortes treiben. Der große Krieg wird auch unseren Kindern zum tiefen, erregenden Erlebnis; auch die Jugend, selbst die jüngere, muß von den Riesenereignissen der Zeit wie von den tausen kleineren Kriegserlebnissen tief ergriffen werden. Was sie jetz tagtäglich erlebt, kann nicht ohne nachhaltigen Einfluß auf die Gestaltung ihres Gedankenkreises, ihrer ganzen Persönlichkeit bleiben.

Was gewinnt die Jugend von der heutigen bewegten Zeit?

Zunächst und zweifelsohne eine starke Bereicherung ihrer geistigen Bildung. Eine Unmenge von neuen Begriffen ist in diesen Tagen aufgetaucht. Was hat nicht auch das Kind alles gesehen, gehört, gelesen? Eine bunte Fülle von Wissen aus unserem staatlichen Leben, aus Heer und Marine besonders, aus der Geographie unseres Landes und fremder Länder, sind an seinen Geist herangetreten, Erinnerungen aus der eigenen Geschichte und der fremder Völker werden ins Gedächtnis gerufen. Das Leben, dieser vorzüglichste Lehrmeister, nimmt jetzt selbst den Unterricht in die Hand, diktiert den Lehrplan und die Methode. Es weiß das zu erwecken, was unserem Wortunterricht in der Schule so oft mangelt: das lebendige Interesse.
Aber auch Gemüt, Gefühl und Wille der Jugend müssen aus unserer großen Zeit lernen. In unseren Schulen wird der sittlichen Willensbildung sehr viel Sorgfalt zugewandt. Meist kann sie aber nur durch allgemein gehaltene Belehrungen, Erörterungen und Vorführung von Beispielen aus Geschichte und Leben erreicht, wenigstens erstrebt werden. Immer wieder wird da das Kind mit Worten erzogen und das oftmalige "du sollst!" mag manche feine Seele abzustumpfen.
Was das Kind im Unterricht aber nur hört, das erlebt es heute selber. In unzähligen Beispielen sieht es jetzt vor Augen, wie die sittlichen Kräfte tatsächlich in der Menschheit wirken, was sie imstande sind auszurichten. Es sieht Tausende und aber Tausende in den grimmigen Schwerterstreit ziehen, sieht sie freiwillig Gewinn und Beruf verlassen und draußen den Tod erleiden, hört aus ihren Liedern, wie sie mit Freuden dem Vaterlande dienen. Es sieht daheim, wie die Herzen weich im Fühlen, stark im Entsagen, Ertragen und Opfern sind, wie so viele ihren Arm, ihr Leben weihen, um den Bedürftigen zu helfen. Das alles kann gar nicht ohne tiefe Wirkung an der Jugend  vorübergehen.
Das ganze tägliche Leben erzieht jetzt in höherem Maße als früher, im Hause, in der Schule, im öffentlichen Leben. Es hat bisher viel von Vaterlandsliebe gehört, gesungen und gelesen. Und dennoch blieb ihm das Wort vielleicht oft eine Phrase, ein leerer Schall. Jetzt erlebt es diesen hohen Begriff. es sieht jetzt selbst ein, was wir an unserem Lande, dem besten der Erde, haben; es spürt, daß dieses Vaterland hoher Opfer wert ist, es sieht ein, daß den Rechten auch hohe Pflichten gegenüberstehen; es merkt, wie im Gegenzug zu anderen Völkern in unserem Volke hohe Vorzüge leben: der Trieb zur hohen Bildung, reines, sittliches Wollen, Stärke, Gründlichkeit, Wahrhaftigkeit und Tapferkeit.

Das alles wird jetzt in dem Kinde lebendig, das alles gewinnt es jetzt. Auch ohne unser Zutun wird es jetzt in seinem ganzen Menschen gefaßt, aufgerüttelt und durch das Erlebte sicherlich auch zum starken, guten Wollen getrieben. Aber wir, die Erzieher, wollen uns damit noch nicht zufriedengeben. Wir wollen doch, wie am Anfang betont wurde, die günstige Gelegenheit  auch nach Möglichkeit ausnützen und wir können sicher in so mancher Hinsicht viel tun. Mehr als je haben wir jetzt Gelegenheit und Veranlassung, mit unseren Kindern zu leben, uns mit ihnen zu unterhalten. Um ihr Interesse braucht uns nicht bange zu sein, sie fragen uns ja jetzt selbst soviel. da heißt es aufmerksam auf die kindlichen Fragen eingehen, hier zu berichtigen, dort näher auzuführen, falsche Vorstellungen wegzuschaffen und Kenntnisse zu befestigen.
Wir wollen doch die Jugend anhalten, daß sie all das Große, das jetzt tagtäglich daheim wie in der Fremde geschieht, sei es Freudiges wie Trauriges, ganz in sich aufnimmt, mit empfänglichen Sinnen genießt, daß sie von der Größe der Zeit wirklich ergriffen werden. Es ist unsere Schuld, wenn jetzt die Jugend an ihrer ganzen Persönlichkeit nicht gewinnt. Wir wollen wieder mehr die sittlichen Kräfte in ihr erwecken, sie mehr als bisher entsagen, ertragen, sich überwinden, für Andere opfern lehren. Wir sehen ja jetzt deutlich selber ein, daß ein Volk nur besteht, wenn es noch sittlich stark ist, wenn sich noch jeder für hohe Gedanken einzusetzen vermag.
Nun wohlan, diese Erfahrung sei uns ein Fingerzeig und Ziel! Die Zeit hat uns in unseren für alles Gute empfänglichen Kinderherzen gar günstigen Boden zubereitet, tun wir nun unsere Pflicht und streuen wir edlen Samen hinein!

*Lazar Melneczuk: Der mit 15 Jahren jünste Zugführer unserer Armee. Er wurde befördert, weil er unseren Truppen bei der Einbringung russischer Gefangener große Dienste leistete. Zum Dank wurde ihm gleichzeitig ein erbeutetes Kosakenpferd zum Geschenk gemacht.

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